Aus der fünften Position ins Engagement: Beobachtungen bei der Tanzbörse

Von Raimund Hoghe

In Reclams Ballettführer taucht der Name Rainer Köchermann in der Reihe der bedeutenden deutschen Tänzer aus der Schule von Tatjana Gsovsky auf. "Ich war immer der Prinz", erinnert sich der 61jährige und lächelt. Weit über tausendmal tanzte er allein in "Schwanensee". Da hieß er Prinz Siegfried und liebte die verzauberte Odette. Seit acht Jahren ist er Ballettvermittler in der Zentralen Bühnen-, Fernseh- und Filmvermittlung (ZBF) in Frankfurt. "Vom Ballettsaal ins Büro – das ist mir überhaupt nicht bekommen." Und als klinge das zu dramatisch, spricht er von gesundheitlichen Problemen, Schwierigkeiten mit dem Rücken, die er damals gehabt habe. Doch noch an seinem 50. Geburtstag habe er auf der Bühne gestanden. Auf dem Spielplan: "Dornröschen".

Vor den Namen der Tänzer, die zur Tänzerbörse der ZBF nach Frankfurt gekommen sind, stehen Nummern. Rainer Köchermann wartet im Flur der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und hält eine Liste der zum Vortanzen Eingeladenen in der Hand. Durchnumeriert sind 54 Frauen und 18 Männer mit abgeschlossener professioneller Ballettausbildung, arbeitslose und noch engagierte Tänzerinnen und Tänzer; junge, die ein erstes Engagement suchen, und ältere, die vielleicht keine Chance mehr haben auf dem Ballettmarkt und den Beruf wechseln müssen. Zur viermal im Jahr stattfindenden Tänzerbörse sind sie angereist aus London, Trier und Prag, Rostock, Münster, Aachen, Essen und Berlin, Bordeaux und Ljubljana, Genf und Paris, Italien und Australien. Deutschland sei ein besonders attraktives Land für Tänzer, erklärt Rainer Köchermann, "in keinem anderen Land gibt es so viele feste Kompanien".

Vor dem Ballettsaal drängen sich Solisten und Gruppentänzer und umlagern den Tisch mit den bereitgelegten Nummern. Rainer Köchermann weist auf die Umkleideräume: "Boys can change here – girls there." Englische und französische Satzfetzen mischen sich. Die ersten Tänzer haben ihre Trainingssachen angezogen. Die ihnen zugeordneten Nummern werden mit Sicherheitsnadeln befestigt. Einige verstecken sie gleich wieder unter dem Pullover. Verlegenes Lächeln, Unsicherheit im Blick. Einer klebt Plakate mit Vortanzterminen an die Garderobentüren – Audition in Koblenz. An einer Pinnwand wird die "Grandezza der Schwäne" beschworen.

Die ehemalige Primaballerina Gisa Werkowska und Rainer Köchermann begrüßen sich. Sie kennen sich. Auch Gisa Werkowska lernte bei Tatjana Gsovsky in Berlin. Sie ist zur Tänzerbörse gekommen, um "vielleicht einen Jungen" fürs Ballett des Stadttheaters Bielefeld zu engagieren. "Was ich immer suche: Persönlichkeiten – aber man findet so wenig interessante Tänzerpersönlichkeiten", klagt Gisa Werkowska, die 21 Jahre lang 1. Solistin war und heute in Bielefeld die theatereigene Ballettschule leitet. Bei den Kindern könne man noch sehr viel Phantasie und natürliche Kreativität feststellen. "Aber das bleibt wenigen erhalten. Mit der Pubertät hört das oft auf – als ob sie eine Tür schließen. Und die bleibt dann zu." 1950, als sie angefangen habe, sei das anders gewesen. Die Tänzer seien damals viel interessierter gewesen. "Ich bin es ja noch so von Frau Gsovsky gewöhnt, in Ausstellungen und Konzerte zu gehen. Wir hatten nichts zu essen, waren hungrig und wollten tanzen, tanzen, tanzen. Und heute", fügt sie hinzu, "sind wir alle so satt."

Der Flur wird leerer. Die meisten Nummern sind ausgegeben. Der Ballettsaal füllt sich. Vor der Tür liegt eine Fußmatte mit der Aufschrift "Don’t worry be happy". Um 14 Uhr soll das Vortanzen für die erste Gruppe beginnen, ein anderthalbstündiges klassisches Ballettraining, Exercice an der Stange und im Raum. An einer Wand ist eine Stuhlreihe aufgebaut für Choreographen und Ballettmeister, in deren Kompanien freie Stellen zu besetzen sind – in Plauen, Chemnitz und München, in Bielefeld und Koblenz. Zwischen ihnen sitzt Rainer Köchermann, der unter anderem darüber zu entscheiden hat, ob die ZBF, eine Einrichtung der Bundesanstalt für Arbeit, für die Tänzer vermittelnd tätig wird oder nicht. "Wenn jemand die heutigen Erwartungen nicht erfüllt, nehmen wir ihn nicht. Wir können nichts für ihn tun, wenn er auf dem Markt keine Chance hat. Wir müssen uns auf das einstellen, was unsere Auftraggeber – die Theater – möchten."