Vor den französischen Regionalwahlen beherrscht Jean-Marie Le Pen die Szene

Von Joachim Fritz-Vannahme

Dijon/Paris, im Februar

Jean-Marie Le Pen ist ein gepflegter Herr: Das rote Einstecktuch passend zur Krawatte, der nachtblaue Zweireiher, der am massigen Körper nirgendwo zwickt, die dunkle Brille eines Bankers, der Plauderton immer lässig, selten gehässig, das alles fügt sich – zum gewünschten Bild. Schließlich kämpft der Führer der französischen Front National nicht auf der Straße, sondern am liebsten im Fernsehstudio. Überhaupt sind alle Vergleiche mit früher lebenden Personen nur boshaft und bar aller Grundlage. Das behauptet jedenfalls Le Pen. Und sein Publikum glaubt ihm. Es umjubelt den Führer der nationalen Rechten, während die politischen Gegner draußen vor der Halle buhen.

Drinnen 2000 Anhänger, draußen 4000 Aufgebrachte – die Szene spielt in Dijon, dem stillen Städtchen im Burgund. Sie gleicht in diesen Wahlkampftagen den Szenen in Nantes oder Toulouse, Saint Malo oder Perpignan. Immer wird draußen getönt, als geifere drinnen ein neuer Hitler; stets wird innen so getan, als tobten draußen die Hunnen. Dazwischen als Puffer eine helmbewehrte Hundertschaft Bereitschaftspolizei und der parteieigene Ordnungsdienst, eine Bande düsterer Typen.

Doch der Schreck bleibt vor der Tür. In der Halle herrscht kein Sportpalastfieber, kein Bürgerbräudampf. Hier sitzen lauter Bürgersleut’, burgundische Biedermänner und wirklich ehrenwerte Mitmenschen. Ein frustrierter Englischlehrer im Front-National-Blazer – "An meiner Schule regieren die Drogen; reden Sie mir nicht von Disziplin." – weist uns höflich zur Pressebank. Die ist wie leergefegt. Die französischen Kollegen mischen sich lieber unauffällig unters zahlende Publikum, fünfzig Francs für eine Einmannshow erster Klasse. Ein junger Arzt – "Wenn Sie wüßten, wie es in meinem Kreiskrankenhaus zugeht. Französische Mediziner finden Sie für den Job auf dem flachen Land nicht mehr." – mogelt sich auf einen der freien Plätze. Eine politische Versammlung besuchte er zuletzt 1981 – "bei François Mitterrand: Ach Gott, was war ich damals jung..."

So alt ist er heute nun auch wieder nicht. Aber in einem hat der Arzt schon recht: In den vergangenen zehn Jahren beherrschten zwei Männer die politische Szene Frankreichs, und er durfte sie an zwei Abenden beide erleben. Heute prägt Jean-Marie Le Pen die politische Auseinandersetzung. Alle reden über ihn, meist abfällig bis angewidert. Seine Gegner bestimmen ihre Strategie, ihren Standort von seiner Position aus. Immer mehr suchen nach markigen Worten über Einwanderer oder Kriminelle, um ihm den Schneid und die Wähler abzukaufen.