Von Isabel Reth

Warum hat Salvador Dalí seiner Wahlheimat Cadaqués eigentlich kein einziges Bild geschenkt? Immerhin hat der kleine Fischerort direkt hinter der französisch-spanischen Grenze dem Maler mit dem hochgezwirbelten Schnurrbart fast fünfzig Jahre lang die Kulisse für seine surrealen Werke geboten. Dalí wurde immer wieder von den einmaligen Lichtverhältnissen in den Buchten am Cap des Creus, dem Kap der Kreuze, inspiriert. Genau da, wo sich die Pyrenäen bis ans Mittelmeer vorschieben und das Kap die katalanische Costa Brava vom Golfe du Lyon trennt, dirigiert die Natur die Elemente: Immer wieder reinigt die Tramuntana, der kalte Sturm aus dem Norden, die Atmosphäre an der schroffen Steilküste. Die unwegbaren Berge im Hintergrund, lassen die Spiegelflächen der vielen felsumrandeten Buchten das Sonnenlicht immer neue Farbkompositionen zeichnen.

In dieses Zusammenspiel der Naturkräfte gebettet erhebt sich vom Meer aus den einzigen Hügel hinauf Cadaqués. Hier, in den engen und steilen Steingassen sind die Seeleute, die Wein- und Olivenbauern mit ihren Familien dicht zusammengerückt. Auf dem höchsten Felsen wacht die weißgetünchte Kirche über die Bucht. Die verwunschenen Winkel in dem Steinchen für Steinchen zusammengesetzten Mauerwerk der alten Gassen haben Dalí immer wieder aus seiner Bucht im nahen Port Lligat nach Cadaqués gelockt. Doch die zumeist republikanischen Katalanen hatten ihre Probleme mit dem ehrgeizigen Franco-Freund.

Dalí war zwar immer untrennbar mit Cadaqués verbunden, aber in erster Linie mit seinen Restaurants und Geschäften, die ihm die kulinarische Grundlage für sein exzentrisches Leben in und um sein Haus zwei Buchten weiter boten. Am Rande der Traumwelt seiner surrealistischen Bilder benutzte Dalí dieses Stück Zivilisation.

Aber auch wenn viele der 1700 Bürger von Cadaques ihren Groll gegen den großen Meister hegen, atmet doch jede Gasse noch heute den frischen Wind der Avantgarde. Neun Galerien und zwei Museen beherbergen die moderne Kunst in altem Gemäuer. Hier gibt es sicher die meisten aktiven Künstler pro Quadratmeter von ganz Spanien. Und das, obwohl die Zeit von Picasso und Marcel Duchamp längst vorbei ist, der Tourismus auch in Cadaqués zur Existenzgrundlage seiner Bewohner geworden ist.

Doch gerade im Winter, wenn die modischen Sommerfummel hinter den verschlossenen Türen der Boutiquen die kühleren Tage überdauern, zeigt Cadaqués sich von seiner ursprünglichen Seite. Die mittelalterliche Abgeschiedenheit, die die Kunstszene in den zwanziger Jahren anlockte, verschonte Cadaqués vor den Architekten der Touristenhochburgen. Der Fischerort war auf dem Landweg schon immer schlecht zu erreichen. Nur eine Straße schlängelt sich in unzähligen Kurven von der Bucht von Roses aus durch das karstige Gelände um das Cap de Creus.

Die alten, frischgekalkten Mauern des Dorfes schmiegen sich an den 600 Meter hohen Pení, der die Menschen zum Geldverdienen aufs Meer geschickt hat. Die Schiffer der alten Handelsflotte von Cadaqués kannten eher die Antillen als das nur vierzig Kilometer entfernte Figueres.