Von Fred Fettner

Während der Nacht hatte der Taifun noch heftig am Hotelfenster gerüttelt. Aber als der Morgen graut, blinken die Sterne am sich aufhellenden Firmament. Der Taifun hatte anderes zu tun, drehte ab von Korea, dem „Land der Morgenstille“, weg gegen Osten, Richtung Japan.

Im allzu kühlen Kleinbus versammelt man sich zur „Sunrise-Tour“. Der Wagen rast durch die Nacht, läßt das koreanische „Museum ohne Mauern“, die Stadt Kyongju, hinter sich.

Das Land bildet den Kontrast zu den sauberen, High-Tech-zivilisierten Städten. Vereinzelte Höfe, sie scheinen arm und kärglich, erwachen. Dünne Rauchfahnen steigen in den Himmel Eines der Gehöfte ist vom Taifun – im wahrsten Sinne des Wortes – mitgenommen. Südkorea gilt als „Schwellenland“: Allmählich entschwindet das Bild des großstädtischen Seoul aus dem Kopf, jener olympiaerprobten, mit schlanken Hotelhochhäusern gespickten Metropole, deren blitzblanke U-Bahn nur ein Indiz für die Suche nach „westlicher Perfektion“ ist. Wir haben die Schwelle vom amerikanischen zum asiatischen Leben überschritten.

Schließlich kommt das Meer in Sicht. Die Morgenluft ist schneidend kalt. Hoch gehen die Wogen am Strand von Kamp’o an der südkoreanischen Ostküste. Der Blick über das Wasser zeigt eine feine Dunstschicht über dem „Land der aufgehenden Sonne“. Der Sonnenball ist nicht zu sehen. Noch nicht. Ein kleiner Markt zeugt davon, daß die Küste von Kamp’o beliebtes Ausflugsziel ist.

Schon jetzt lassen sich Koreanerinnen am aufgewühlten, mit Unrat reichlich drapierten Sandstrand nieder. Sie beten dem Sonnenaufgang entgegen. Sie falten ihre Hände über dem Kopf. 6.40 Uhr. Bei den ersten Sonnenstrahlen ziehen sie die Hände vors Gesicht und in einer fließenden Bewegung über die Brust, neigen ihr Haupt ehrfürchtig oder lassen sich auf die Knie fallen, den Blick starr zum feuerroten Ball der Sonne gerichtet, der behutsam dem Wasser entsteigt. Weit hinter den Felsen, die als zackige Insel kaum zwei Meter aus dem Meer ragen und seit über einem Jahrtausend das Grab des Königs Munmu beherbergen, steht die Wolkenbank, die der abgezogene Wirbelsturm als Andenken hinterlassen hat.

Auch wenn nun die Sonne höher steigt, in leuchtendes Gelb mutiert, manch Gläubige ihre Füße trocknen und zwei japanische Teenies eine dem wilden Ansturm der Wellen zu verdankende, unfreiwillige Dusche nehmen, bleibt dem Ort das Mystische erhalten. Das mag nicht so sehr an König Munmu liegen, der das nasse Grab in dem Bewußtsein wählte, als Drache wiedergeboren zu werden, der gegen die japanischen Piraten kämpft. Etwas liegt in der Luft, selbst wenn der Taifun vorüber ist.