ZDF, Sonntag, 1. März, 21.55 Uhr: „Der Berg – Duell im Eis“, Film von Markus Imhoof

Merkwürdig: Auf der Suche nach dem Elementaren, nach Blut, Schweiß und Tränen, nach den „Abgründen in den Menschen“, wie Markus Imhoof (Regie) sagt, ist ein ganz künstlicher Film entstanden. Der Berg ist hier die extreme Situation, die aber auch alles evoziert, was an Leidenschaften menschenmöglich ist. Zwei Männer, eine Frau; die ist zudem schwanger, unklar, von wem der beiden. Sie sind abgeschnitten von der Außenwelt auf einem Dreitausender im Schnee, die Vorräte sind knapp: Eifersucht, Haß, Mordlust, Gier und Geilheit.

Fehlt noch was? Ach ja, der latente Irrsinn, die Klaustrophobie, die Homoerotik. Und? Abgefrorene Zehen und deren Amputation mit dem Brotmesser. Und halbrohe Spiegeleier, die man vom Fußboden ißt. Und ein blutiger Hasenbalg, den der Manser (Mathias Gnädiger) seiner Lena (Susanne Lothar) um die Ohren haut, woraufhin sie sich mit blutrotem Wänglein auf den Kreuzpointer (Peter Simonischek), den mit den abgefrorenen Zehen, stürzt und ihn fast erstickt mit ihrem Kuß. Da hat sie die Fronten gewechselt. Und zwischen den Männern ist das Kriegsbeil ausgegraben, pardon, die Bergaxt, die füglich neben dem bärtigen Haupt des Nebenbuhlers ins Türholz kracht.

„Die Anlage dieser Geschichte ist in den Menschen drin, nur wird in den Städten, in den Wohnhäusern und Büros die Frage selten so elementar gestellt, was man mit dem Menschen tut, der einem im Weg steht“ (Imhoof). Ist das so? Auch drunten im Tal kann man „abstürzen“ und sich „das Genick brechen“. Der Unterschied: Es ist nicht gar so exotisch, was drunten im Tal geschieht, in den Niederungen.

Beinahe abstürzen, beinahe erfrieren, verhungern, verbluten, das kommt so leicht nicht vor, wenn man davon lebt, morgens ins Büro und abends nach Hause zu fahren. Darum guckt man es sich im Fernsehen an und kann dabei dem Echo der eigenen Abgründe nachlauschen. Und sich freuen, daß man es warm und trocken hat. Und sich sehnen nach dem wahren Leben mit Blut, Schweiß und Tränen.

Warum hat man uns eigentlich die Geburt vorenthalten, die Keilerei der Männer um das Vorrecht, den so wunderbar photogenen weißblauen Nabel durchzukauen?

Martin Ahrendt