Dem greisen Erich Honecker wird allzuviel öffentliche Aufmerksamkeit zuteil. Die Tatsache, daß er einmal Chef einer Diktatur auf deutschem Boden war, sollte dafür nicht länger ausreichen. Er ist heute nur mehr ein – wenn auch gewichtiger – Fall für die deutsche Justiz: Mutmaßlicher Anstifter zum Totschlag an Mauer und innerdeutscher Grenze, auf der Flucht vor einem richterlichen Haftbefehl.

Die einstige Schutzmacht Sowjetunion, mit deren Hilfe er nach Moskau floh, existiert nicht mehr. Rußland schuldet der Bundesrepublik die Auslieferung Honeckers; sein Justizminister hat es zugesagt. Auf die Einhaltung dieses Versprechens müßte die Bundesregierung selbst dann pochen, wenn sie anderen politischen Sinnes geworden wäre. Wollte Bonn den Gesuchten ohne Widerspruch aus der Botkin-Klinik nach Chile ziehen lassen – wollten die Russen ihm dies erlauben –, liefe dies auf strafbare Begünstigung im Amt und auf eine Art vorweggenommener Amnestie durch die Exekutive hinaus.

Im übrigen: Wenn der Patient wirklich so krank ist, wie eine Vorabdiagnose russischer Ärzte dies nahelegt, brauchte er in Deutschland weder Untersuchungshaft noch Strafe zu befürchten. Aber davon sollte sich das zuständige Gericht schon selbst überzeugen dürfen. Ein medizinischer Persilschein aus dem Land der Fluchthelfer reicht nicht aus. H. Sch.