Von Heinrich Senfft

Es ist ein Glück, daß diese Erinnerungen des Partneranwalts von Gustav Heinemann – endlich – erscheinen, ein Glück, weil es an der Zeit ist, sich des Bundespräsidenten der studentischen und sozialliberalen Aufbruchjahre, Gustav Heinemann, zu erinnern. Ein Glück, weil Diether Posser uns jetzt, da wir in der früheren DDR mit allem, was wir für kommunistisch zu halten gelernt haben, gründlich aufräumen, an die Zeit der jungen Bundesrepublik erinnert, die hastig wieder aufgerüstet und nicht minder eifrig von Kommunisten oder denen gesäubert wurde, die man dafür hielt. Damals freilich mußte man dabei den jungen Rechtsstaat überwinden – heute können wir in der alten DDR direkt zugreifen. Ideologisch gab es schon in den fünfziger Jahren keine Probleme: Der Feind, dessen Bild jeder Deutsche schon seit hundert und mehr Jahren in die Wiege gelegt bekam, war derselbe geblieben.

Die bis heute ungebrochene Grundüberzeugung eines jeden aufrechten Deutschen begleitete Diether Posser auf seinem Weg als Anwalt. Zusammen mit Gustav Heinemann, mit dem er sich über die Bekennende Kirche zusammengefunden hatte, war er ins Wasser gesprungen, um gegen den Strom zu schwimmen. Wie viele Leute wissen noch, daß Heinemann sich schon 1947 für nur ein Jahr als Justizminister von Nordrhein-Westfalen hatte gewinnen lassen – zur maßlosen Überraschung Adenauers, der es, wie Posser schreibt – leider fast immer im Anwaltsdeutsch –, „schlechterdings für unmöglich hielt, daß ein Politiker einen Ministersessel jemals freiwillig aufgeben würde“? Und, Hand aufs Herz: Wie viele wissen noch, daß Heinemann schon nach einem Jahr Bundesrepublik im Oktober 1950 als Innenminister die Bundesregierung verließ, weil Adenauer Miene machte, das Land wiederzubewaffnen?

Es kann keine Rede davon sein, daß Heinemanns und Possers Sorgen und Bedenken der fünfziger und sechziger Jahre uninteressant geworden sind, weil doch angeblich alles so gut ausgegangen ist und ein neues einig’ Vaterland vor uns steht. Spannend wird das Buch vor allem, wenn man die Kommunistenverfolgung dieser Jahre mit unserem jetzigen Säubern und „Abwickeln“ der DDR vergleicht und über die Parallelen erschrickt und sich vor allem daran erinnert, wie alte Nazis in den Gründerjahren dieser Republik in leitende Funktionen gehoben und darin geduldet wurden. Der einleitende Teil des Buches gerät deshalb zu Recht zu einer Anklage Adenauers, der die Öffentlichkeit belog oder mit Halbwahrheiten irreführte. Posser berichtete, daß der Kanzler und seine wenigen Mitwisser nicht nur verschwiegen, daß die Westalliierten schon 1951 erklärt hatten, es werde bestenfalls eine Wiedervereinigung ohne die Gebiete östlich der Oder/Neiße geben, sondern auch noch die Dokumente unterdrückten.

Im Hauptteil berichtet Posser von den Prozessen, die er geführt hat. 1954 vertrat er die Pazifistin Klara Marie Fassbinder, die unsere Behörden jahrelang verdächtigten, eine von Moskau bezahlte Kommunistin zu sein. 1956 war er der Anwalt des früheren Adenauer-Freundes Wilhelm Elfes, damals schon über 70, dem das Bundesverwaltungsgericht noch 1956 einen Paß verweigerte, weil er 1952 beim Völkerkongreß in Wien eine „Gesamtdeutsche Erklärung“ unterzeichnet habe. Unnötig hinzuzufügen, daß Posser sich durch seine Auftritte in politischen Prozessen 1955 auch ein Verfahren gegen sich selbst einhandelte, weil er als Verteidiger vor dem Bundesgerichtshof wahrheitsgemäß dargestellt hatte, Kanzler Adenauer habe dem Bundestag über den Inhalt der sowjetischen Deutschlandnoten des Jahres 1952 die Unwahrheit gesagt.

Das Buch erzählt einen Fall nach dem anderen. Bei fast jedem läuft einem noch heute die Galle über, selbst dann, wenn er fast aus Versehen gut ausging und Heinemann und Posser nicht unterlagen: etwa als 1955 das Oberlandesgericht Hamm versuchte, eine Anklageschrift wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat gegen einen Redakteur und seinen Verlagsleiter, einen Kommunisten, der Geheimhaltung zu unterwerfen. Oder als das Landgericht Dortmund 1960 einen während der Nazizeit als Jude geflüchteten Redakteur einer kommunistischen Tageszeitung als Rädelsführer der KPD zu einer fünfmonatigen Freiheitsstrafe verurteilte, obwohl er keinen beleidigenden Artikel geschrieben hatte und nicht vorbestraft war – nur, weil er bis zum Verbot der KPD durch das Verfassungsgericht Redakteur seiner Zeitung geblieben war.

Der wichtigste aber war wohl 1957 der „Landesverratsprozeß“, den Heinemann und Posser für den sozialdemokratischen Gewerkschafter und Wirtschaftsprüfer Dr. Viktor Agartz führten. Agartz, 1946 Generalsekretär des späteren Zentralamtes für Wirtschaft der angloamerikanischen Bizone und 1949 Leiter des vom DGB gegründeten Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts, ließ es „ohne Berührungsängste“ zu, daß die DDR das Institut mit monatlich 10 000 Mark unterstützte, ohne Einfluß zu verlangen. Aber der Bundesgerichtshof sprach den deshalb des Landesverrats angeklagten Agartz wegen Mangels an Beweisen frei. Hier gewinnt auch Possers Sprache etwas an Farbe, wenn er sich an Agartz, dem weltläufigen und wohlhabenden Wirtschaftsprüfer und introvertierten intellektuellen Sozialisten, begeistert, der, man staune, sogar mit Bankier Abs befreundet war. Gleich aber fällt der Autor wieder in den nüchtern-emotionslosen Berichtston zurück, in dem er die verschiedenen Schicksale abhandelt: Trostlose Lebensläufe ewig verfolgter Linker. Posser freut sich, wenn die Gerichte – selten genug – freiheitlich urteilen („Also nach jahrelanger Ungewißheit ein juristischer Sieg“), gerät aber nie in Wut oder gar aus der Fassung, wenn es Mißerfolge hagelt. Er erregt sich selbst dann nur mäßig, wenn ein Gericht mit Hilfe des Zeugen Nollau, des späteren Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, 1962 in Gegnern des Schahs von Persien Feinde des Grundgesetzes, Rädelsführer einer verfassungsfeindlichen Vereinigung und Geheimbündelei erkennt.