Wie soll dieser neue Wanderführer von Rudolf Steiger und Bernhard Zäh ("Gipfelrundtouren" – 30 Tagestouren mit 120 Gipfeln vom Westkarwendel bis zum Kleinwalsergebiet; Verlag J. Berg, München 1991; 58,– DM) bloß dorthin passen, wo er hingehört: in die Kopftasche eines Rucksackes? Genau 29 Zentimeter ist er lang und 22 breit, besitzt ungefähr DIN-A4-Format und ist damit ungefähr doppelt so groß wie üblich. Ein empfindlicher Hochglanzeinband statt eines Plastik-Schutzumschlages gegen Regen und Schnee. Steifer Hartkarton statt eines biegsamen Covers. Schweres, glänzendes Papier für die vielen Buntphotos statt dünner, reißfester Seiten – so wiegt der neue Führer 1116 Gramm, ein Zehntel bis ein Zwölftel des Gewichts eines normalen Bergrucksacks. Wie viele Unterhosen, Bananen oder Müsliriegel ließen sich statt dessen mitnehmen?

Da bliebe nur ein Ausweg: Kopieren, die Seiten mit der geplanten Rundtour vervielfältigen! Dann aber ginge dem Kraxler jene Neuerung verloren, die im Klappentext beschrieben wird: die "farbig angelegte Tourenbewertung", die "schnelle Auskunft über die zu erwartenden Anforderungen" gibt.

Die Autoren wollen also offenbar keinen praktischen, benutzbaren Wanderführer schreiben, sondern Flachländern ein reichliches Kilo Sehnsuchtsliteratur verkaufen. Bunte Bilder, nette Routenbeschreibungen und, ganz wichtig, Einkehrmöglichkeiten: Was könnte man alles in den Bergen tun, ließe das stressige Berufsleben nur ausreichend Zeit. Es langt halt nur zum Bildergucken und Routenplanen, das Minimalprogramm für den bergsteigenden Yuppie.

Dazu ein bißchen Esoterik: "Ist nicht eine Bergfahrt auch stets eine Selbsterfahrung?... So gesehen ist jede Tour auch eine Wanderung durch unsere Seele, in der wir alles wieder ordnen, Maßstäbe zurechtrücken und Prioritäten neu setzen. Aus dieser Sicht verlieren Gehzeiten und Höhenmeter völlig an Bedeutung, liegt der Sinn in einer Harmonie zwischen Leib und Seele, die uns Kraft gibt, die täglichen Anforderungen in Familie und Beruf besser zu bestehen."

Bei so viel Seelenmassage können die Bergschuhe gleich im Keller bleiben.

Thomas Kleine-Brockhoff