Von Hanns-Bruno Kammertöns

Die Fahne ist eingeholt, das Feuer erloschen. Kehraus in Albertville, die meisten Spuren verwischen sich schnell. Parkverbote werden aufgehoben, Straßen und Plätze, lange schwer bewacht, wieder passierbar gemacht. Fernsehtechniker rollen die Kabel ein, Parabolantennen kommen zurück in die Kisten, CBS räumt das Feld. Die Tannenbäume, die mit ihren roten Schleifen so manches Absperrgitter schmückten, sie werden nun nicht mehr gebraucht. Albertville, die kleine graue Stadt an der Isère, findet zu ihrem Alltag zurück.

Denn hier war Olympia nur ein flüchtiger Gast. Die Arenen sind nur Provisorien, nun baut man sie ab. Das „Théâtre des Ceremonies“ zum Beispiel, in das vor gut zwei Wochen die Jugend der Welt mit ihren Fahnen Einzug hielt, und auch die Eisschnellaufbahn, deren Kühlanlage nun nach Japan verkauft werden soll. Olympia, wie unter dem Hammer.

Was Albertville bleibt, ist die olympische Eislaufhalle. Sie hat keinen richtigen Namen und ist auch viel zu groß für die Stadt. Sie steht für den Gigantismus der XVI. Olympischen Winterspiele, aber auch für die vielleicht schönsten Minuten der letzten sechzehn Tage.

Es war zu Beginn der zweiten Olympiawoche. Erste Stimmen waren bereits zu hören, die den überlangen Spielplan bemängelten und von einem Tribut an das Fernsehen sprachen. Vielleicht hätte man wirklich mit der zweiten Olympiawoche beginnen sollen, wohl auch die beiden Franzosen Isabelle und Paul Duchesnay hätten es gerne gesehen. Die Geschichte von Bruder und Schwester, die auf das Eis gehen, tanzen und dabei auf tragische Weise alles verlieren. Natürlich gibt es wichtigere Dinge im Leben, wirkliche Katastrophen und echte Dramen. Doch für eine kleine Weile trat in Albertville dies alles zurück. Eistanz nach der Musik von Gershwin – war diese Entscheidung richtig, war sie falsch? Es tat gut, sich einmal ganz auf solche Fragen zu konzentrieren.

Als Isabelle und Paul Duchesnay nach Albertville kamen, hatten sie schon verloren. Die Nation erwartete Gold, alles schien nur noch eine Frage des Vollzugs. Die Favoriten gaben eine Pressekonferenz, um damit Ruhe zu finden bis zu ihrem ersten Auftritt auf dem Eis. Es war eine wohlinszenierte Show, doch keineswegs der Auftritt zweier Avantgardisten, die sich weder auf dem Eis noch anderswo scheren um das, was die Leute sagen.

„Warum zappeln Sie so?“ wollte ein britischer Journalist von Isabelle Duchesnay wissen. Sie belächelte die Frage und sprach vage von ihrem Temperament. Später, als alles vorbei war, sagte Isabelle Duchesnay nichts mehr, aber da hatte sich diese Frage auch schon erübrigt.