Die feierliche Musik war bestellt, die Laudatio schon geschrieben. Es sollte ein würdevoller Festakt werden, mit dem die medizinische Fakultät der Ostberliner Humboldt-Universität an diesem Freitag wohl auch einen Brückenschlag gen Westen proben wollte. Geehrt werden sollte ein Mann, der über Jahre hinweg die Standespolitik der Westberliner Ärzteschaft geprägt hat: Professor Wilhelm Heim, von 1974 bis 1982 Ärztekammerpräsident und über Berlin hinaus bekannter Verbandsfunktionär. Er sollte zum Ehrendoktor der Charité gekürt werden. An dieser renommierten Klinik hat sich der inzwischen 85jährige vor 51 Jahren habilitiert, und in ihrem Fördererkreis ist er rühriges Mitglied. Heim, so hieß es in dem entsprechenden Beschluß der medizinischen Fakultät vom Oktober vergangenen Jahres, habe sich "in mehr als einem halben Jahrhundert" um die medizinische Wissenschaft und das Gesundheitswesen "in vorbildlicher Weise verdient gemacht".

Jetzt hat die erste Hälfte des letzten "halben Jahrhunderts" den Mediziner vorerst um die weihevolle Auszeichnung gebracht. Der Festakt wurde abgeblasen. Aufgeschreckt durch Zeitungsberichte über die SA-Vergangenheit ihres Würdenträgers in spe setzte der Akademische Senat am Mittwoch vergangener Woche mit deutlicher Stimmenmehrheit die geplante Ehrung aus. Jetzt will man erst die "neuen Erkenntnisse" prüfen.

Was viele Mitglieder des Akademischen Senats bei der ersten Beschlußfassung im Oktober wohl tatsächlich nicht wußten, ist in Westberliner Ärztekreisen spätestens seit Anfang der achtziger Jahre bekannt: Der jahrzehntelang unumstrittene Professor Wilhelm Heim begann seine medizinische Karriere als strammer Nationalsozialist. Schon zu Beginn seines Studiums tritt er dem konservativen und antisemitischen "Akademischen Turnverein" bei. Im März 1933 wird er Mitglied der SA und avanciert dort zum Sturmbannführer. Im selben Monat besetzt die SA das Kreuzberger Urbankrankenhaus, an dem Heim seit zwei Jahren als Assistenzarzt arbeitet. Die jüdische Direktion des Krankenhauses und die jüdischen Ärzte werden abgesetzt und teilweise entsetzlich verprügelt. Ob Heim bei der Vertreibung seiner jüdischen Kollegen eine aktive Rolle gespielt hat, ist nirgendwo belegt. Fest steht dagegen, daß er 1941 an der Charité über die Problematik der Blutkonservierung habilitiert – damals ein Thema von hohem militärischem Interesse – und innerhalb der SA noch zweimal befördert wird. Beim Zusammenbruch des Nazi-Regimes bekleidet Heim – damals 39 Jahre und kein "irregeleiteter" jünger Spund mehr – immerhin den Rang eines SA-Standartenführers.

1945 wird Heim entnazifiziert. Er wird Chefarzt eines Krankenhauses im Berliner Westsektor und 1949 Dozent an der Humboldt-Universität, damals schon DDR. Später, im Westen, erwirbt Heim sich etliche Meriten. Er baut den Blutspendedienst auf, engagiert sich für Ärztefortbildung und ist aktiv in zahlreichen medizinischen Verbänden und Stiftungen.

Nach jahrelangem kollegialem Schweigen wird Heims politische Vergangenheit Ende der siebziger Jahre von einer jüngeren Generation innerhalb der Ärzteschaft thematisiert. Es kommt zu heftigen Diskussionen auch innerhalb der Berliner Standesorganisation, deren Präsident Heim inzwischen ist.

Um eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus werden nun auch die Mitglieder des Akademischen Senats der Humboldt-Universität nicht herumkommen, wenn sie sich erneut damit befassen müssen, ob Professor Heim eines Ehrendoktors würdig ist. Die Fürsprecher Heims können sich dabei auf einen ungewöhnlichen Kronzeugen berufen. Ausgerechnet einer seiner früheren Erzfeinde unterstützt die Auszeichnung mit salbungsvollen Worten: Ellis Huber, amtierender "rot-grüner" Ärztekammerpräsident. Vor gut elf Jahren hatte Huber auf dem von ihm organisierten "Gesundheitstag 1980" die zum damaligen Zeitpunkt wohl größte öffentliche Auseinandersetzung über die Medizin im Nationalsozialismus initiiert. Erstmals berichteten jüdische Ärzte aus dem Exil über ihre Vertreibung aus Krankenhäusern und Arztpraxen – und über den klammheimlichen und offenen Beifall ihrer Kollegenschaft. Heim, Gastgeber des zur selben Zeit tagenden Ärztetages, weigerte sich damals, diese Ärzte offiziell zu empfangen.

Heute schreibt Huber im Berliner Kammerblatt eine zweiseitige Eloge zum 85. Geburtstag "unseres lieben Professors Wilhelm Heim", dem "alle 20 000 Berliner Ärzte und Ärztinnen ein herzliches Danke" sagen für seine außerordentlichen Verdienste. Die Laudatio, in ihrer schwülstigen Wortwahl schon für jeden Jubilar hart am Rande der Peinlichkeit, gerät bei der Person Heim zum denkwürdigen Zeugnis eines schwer nachvollziehbaren Sinneswandels. Heim sei "einer der bedeutendsten Botschafter Berlins in Deutschland und darüber hinaus", schreibt Huber und bescheinigt ihm "sicheres Gespür für notwendige Entwicklungen" und "Einfühlung in historische Zusammenhänge".