Von Rudolf Walter Leonhardt

Von James Joyce (1882-1941) haben wir: 1. eine Sammlung von Kurzgeschichten, die das Wesen alles Irischen in fünfzehn Erzählungen über seine Heimatstadt einkreisen ("Dubliners", 1914); 2. einen autobiographischen Bildungsroman comme il faut ("A Portrait of the Artist as a.Young Man", 1916); 3. den ungewöhnlichsten englischen, gerade noch englischen Roman unseres Jahrhunderts, der einen Tag im Leben von drei Bewohnern Dublins, Stephen Dedalus, Molly und Leopold Bloom, beschreibt ("Ulysses", 1922 in Paris veröffentlicht); 4. den in keiner real existierenden Sprache geschriebenen, von allen europäischen Sprachen beeinflußten Singsang "Finnegans Wake" (1939). Joyce selber hatte eine gute Tenor-Stimme und ein enzyklopädisches Wissen über Musik.

Von ihm haben wir auch einige Gedichte, die er selber höher einschätzte, als wir das heute nachvollziehen können ("Collected Poems", 1936), und viele Briefe. Diese Briefe sind so langweilig, wie seine Romane zumindest für den Sprach-Enthusiasten spannend sind. Die langweiligsten sind die an seine Sklavin Sylvia Beach, Buchhändlerin und Verlegerin in Paris.

Es wird immer einmal wieder darum gestritten, ob und wem es nützt, das Leben eines Autors zum Verständnis seines Werkes heranzuziehen. Eine solche Frage muß für jeden Autor anders beantwortet werden. Bei Byron und Goethe ist es wichtig, Dichtung und Wahrheit zu kennen und zu trennen. Bei Baudelaire und Heine hilft es. Bei Shakespeare und Joyce ist es völlig unnütz. Die Genialität des James Joyce ist nur in seinem kunstbewußten Schreiben, nicht in seinem Leben und seinen Alltagsbriefen zu erkennen. Der für Sprache und literarische Strukturen Empfindsame ist von all den Dubliner Geschichten (und darum geht es ja im Grunde immer) hingerissen. "Finnegans Wake" ist das Buch Nummer eins für eine einsame Insel; jedesmal, wenn man es wieder liest, versteht man es neu; nie kann man es ganz verstehen. Verglichen damit war das Leben des James Joyce banal.

Immer in Geldnöten. Immer auf der Suche nach Kontakten. Immer besorgt um die Druckfassung seiner Manuskripte. Immer heimgesucht von Augenleiden. Immer den Wohnort wechselnd. Immer bemüht, in den Literaturbetrieb (Verlagsrechte, Vorabdrucke, Rezensionen) einzugreifen. Immer um Anerkennung buhlend.

Für all das finden wir Zeugnisse auch in seinen Briefen an Sylvia Beach. Seit er sie kennt, also seit 1921, bis sie sich 1932 von ihm trennt, muß sie ihm nicht nur alle möglichen Zeitschriften und Bücher besorgen, auch für andere Leute, an die sie sie dann schicken muß. Derlei ließe sich ja gerade noch mit dem Beruf einer Buchhändlerin vereinbaren. Sie muß ihm aber auch beim taktischen Plazieren von Artikeln über ihn und seine Bücher helfen, eine Praxis, die in den französischen und englischen Zeitschriften offenbar nicht als anstößig empfunden wurde. Sie muß Briefe für ihn schreiben, abschreiben und verschicken. Sie muß Medizin für ihn besorgen, und die Aufforderung dazu klingt dann so: "Vergaß gelbe Tropfen. Bitte besorgen Sie diese unverzüglich" (23. 4. 1928). Vor allem jedoch muß sie ihm immer wieder Geld besorgen und schicken, auch Rechnungen für ihn bezahlen. Worum sie in diesem Ton gebeten wird: "Bitte begleichen Sie Establets Rechnung." (Establet war sein Weinhändler.) "Haben Sie meinen Blumenhändler bezahlt?"

Am Anfang war Sylvia Beach stolz und glücklich, ihre originelle Buchhandlung in der rue de l’Odeon 12, die den schönen Namen "Shakespeare and Company" trug, umzufunktionieren in ein Verlagshaus eigens für den "Ulysses", der ja auf Grund der Klage einer "Society for the Prevention of Vice" von 1921 bis 1934 in den USA sowenig wie in Großbritannien erscheinen durfte. Die Buchhandlung, schrieb sie ihrer Mutter am 1. 4. 1921, "ist von Tag zu Tag erfolgreicher, und bald könntest Du von uns als richtiggehenden Verlegern hören und vom wichtigsten Buch dieses Zeitalters ... Es wird uns berühmt machen, hurra, hurra!"