Von Carl-Christian Kaiser

Viele Frauen waren da, meistens junge. Männer waren in der Minderheit. Was der Augenschein zeigte, bestätigt die Wissenschaft. Töchter fragen ihre Eltern nachdrücklicher als Söhne nach der politischen Familiengeschichte, nach der braunen und nun wohl auch nach der roten Vergangenheit. So die Sozialwissenschaftlerin Lerke Gravenhorst vom Deutschen Jugendinstitut in München vor einem Kongreß zur „Psychoanalyse deutscher Wenden“, den eine couragierte Handvoll Wissenschaftler an der Freien Universität in Berlin zustande gebracht hat.

Der Töchter-Befund führt mitten in die verwickelte deutsche Sozialpathologie. Wer gut verdränge, könne gut arbeiten, warf jemand ein, als über Frau Gravenhorsts Bericht diskutiert wurde und sich aus dem dichtgedrängten jungen Auditorium die Zornesausbrüche über die Verstocktheit der Eltern häuften. In der Tat, die Männer haben gearbeitet. Die Wiederaufbauleistung nach dem Krieg gilt gemeinhin als ihr Verdienst. Und sie wurde, so der Historiker Wolfgang Benz, auch als Sühne für die braune Barbarei verstanden.

Aber was heißt Sühne, wenn der eigene Anteil an dieser Barbarei, so gut es ging, geleugnet, verharmlost, verdrängt wurde? Das ging nicht nur gut, sondern immer besser, je mehr sich im Kalten Krieg nach 1945 die Wunde des Faschismus-Vorwurfs mit bereitwilligem Antikommunismus verkleben ließ. Die Verdrängung hatte Konsequenzen, 1968, als die Jungen mit demonstrativer Heftigkeit nach Schuld und Sühne fragten, zumindest Aufklärung und Trauerarbeit verlangten. Und die Verdrängung hat immer fortzeugende Folgen, gerade jetzt.

„Was sich heute an psychischem Druck und Realitätsverleugnung in der DDR ereignet“, schrieb die Philosophin und Psychologin Brigitte Rauschenbach, die Initiatorin des Berliner Kongresses, im Einführungsheft, „entlastet zugleich auf ganz unvorhergesehene Weise die Gründerväter und -mütter der alten BRD. Ihre in die Wirtschaft investierte, von den Söhnen und Töchtern erst aus sozialen und dann aus ökologischen Gründen kritisierte libidinöse Energie hat sich jetzt erst politisch ausgezahlt. Der alte Schuldvorwurf hat sich damit verschoben und umgekehrt. Die Väter und Mütter haben nicht nur gegenüber den Brüdern und Schwestern, sondern auch gegenüber den Nachgeborenen recht behalten.“ Der Antikommunismus, heißt das, war gerechtfertigt, die westliche Gesellschaftsordnung ist die richtige, die Brüder und Schwestern im ehemals sozialistischen Teil Deutschlands haben es selber bestätigt oder bestätigen müssen. Die Wiedervereinigung erscheint, wenn noch nötig, wie die endgültige Erlösung aus dem nazistischen Schuldtrauma und womöglich sogar als eigenes Verdienst.

Aber das so erfolgreich Verdrängte kehrt unausweichlich wieder. Die Wiederkehr drückt sich in dem Prozeß aus, der den unglücklichen Landsleuten gemacht wird. Noch in dem heimlichen Hohn über die demütigen Brüder und Schwestern und in ihrer oft gar nicht mehr unterdrückten Verachtung tritt die Abwehr der eigenen, wenn nicht unbewußten, dann beiseite geschobenen Erinnerung zutage. Diesmal wird man alles ans Licht bringen und, gerade als geschichtlicher Sieger, nach der ersten Schuld aus der braunen Diktatur und der zweiten Schuld, wie Ralph Giordano die kollektive und individuelle Verdrängung der Nazi-Vergangenheit genannt hat, kein drittes Mal Schuldvorwürfe zulassen.

Daraus entspringt auch die mörderische Selbstgerechtigkeit, mit der Wessis den Ossis gegenübertreten. Es soll keinen gemeinsamen Schuldzusammenhang geben. Die Abfolge von nazistischem und kommunistischem Sündenfall, ihre Aufarbeitung und die Buße sind allein Sache der Ossis. Besonders unbefangen sind, wie sie Günter Gaus gerade bezeichnet hat, die „schrecklichen Kinder“, jüngere Leute, die aus der Fülle ihres ahnungslosen Rigorismus heraus zu Scharfrichtern werden. Das gehe wie ein Fallbeil, hat der Theologe Richard Schröder, einst Vorsitzender der Sozialdemokraten in der DDR-Volkskammer, anhand der Stasi-Hysterie gesagt.

Die geile Gier der Groschenblätter, und nicht nur ihre, verbürgt die öffentlichen Hinrichtungen. Ob Opfer oder Täter, Opfertäter oder Täteropfer, nach den kapitalistischen Gesetzen werden alle unterschiedslos vermarktet. „Ich habe Angst vor der Öffentlichkeit, wie sie von Medien geschaffen wird und gegen die ich mich nicht wehren kann“, Angst auch vor dem Haß, der ihm im Bundestag entgegenschlage, hat Gerhard Riege von der PDS, einer der stillen und nachdenklichen Abgeordneten, vor seinem Selbstmord geschrieben. „Mir fehlt die Kraft zum Kämpfen und zum Leben. Sie ist mir in der neuen Freiheit genommen worden.“ Nach Auskunft seiner Partei hatte Riege zur Stasi eher bedeutungslose Kontakte, beendet 1960, vor 32 Jahren. Aber soziale Achtung war ihm schon als PDS-Parlamentarier sicher.

Wenn sich die Pandora-Büchse der Vergangenheit nur für die einen und oft so fürchterlich öffnet, dann ist es kein Wunder, daß politische Trauerarbeit, wie der Ostberliner Psychotherapeut Michael Froese und andere auf dem Kongreß berichteten, auch in Ostdeutschland kaum stattfindet, schon gar nicht gemeinsam, aber auch nicht privat. Leitete er vor der Wende mehrere Selbsthilfegruppen, die sich auch viel Politisches von der Seele redeten, so zählt Froese jetzt weit weniger, wenngleich nun schwer gestörte Patienten. Natürlich räumt auch er ein, daß jetzt ganz materielle Existenzfragen vor der moralischen Existenzfrage stehen. Und hinzu kommen nicht zuletzt die schleppende, wenn nicht aufgeschobene Behandlung von Schuld- und Gerechtigkeitsproblemen in förmlichen juristischen Verfahren, sofern sie strafrechtlich überhaupt möglich sind, und die Konsternierung über die aus alten Fachleuten-Ost und Fachleuten-West häufig entstandenen neuen „Seilschaften“.

Doch welche Wunden schwären und sich ausbreiten, wurde abermals deutlich, als Hans-Joachim Maaz auftrat. Wenn der Hallenser Therapeut erscheint, geht es meistens hoch her, und tatsächlich spitzt er seine Befunde inzwischen, schon ganz den Marktregeln folgend, so zu, daß ihm eine Pause zum Nachdenken, Differenzieren, Ausfeilen und Erholen dringend zu wünschen wäre. Maaz sieht, weithin zu Recht, im einen wie im anderen Teil Deutschlands Anpassung und Entmündigung als oberstes ungeschriebenes Gesetz, im Osten durch Unterwerfung vollzogen, im Westen durch Manipulation. Der Aufschrei ließ nicht auf sich warten.

Maaz habe ja, brachte in wütender Ohnmacht einer heraus, alles mit Namen belegt, was ihn, den Aufbegehrenden, bedrücke. Aber was nützt mir das? Ziemlicher Beifall. Ich weiß ja alles! Doch wo sind die Auswege? Und man kann doch nicht ein ganzes Volk zur Psychoanalyse bringen! Andere fragten Maaz, mit welcher Legitimation er von einem „Wir“ rede; wieder anderen tat es gut, daß er so angegangen wurde. Der Ton wurde bissig und bösartig, auch bei Maaz. So droht sich die Diskussion, wo sie denn geführt wird, zu verkeilen.

Vielleicht war auch mütterliches Erbe im Spiel, als Annette Simon, Psychotherapeutin in Ostberlin und Tochter von Christa Wolf, ein literarisches Gleichnis wählte, um ihre Befindlichkeit und deren politischen Kontext zu beschreiben. Sie sprach von den deutschen Zwillingen, erzogen von Mütter Deutschland und Vater Faschismus, die zur Strafe für ihre Untaten getrennt wurden und diese Trennung manisch (Westaufbau) oder depressiv (Ostresignation) zu bewältigen suchten. Sie sprach auch von der eigenen Scham über die Unterwürfigkeit ihrer Landsleute und ihrem Zorn über die hochfahrenden Schuldzuweisungen durch die Wessis. Denn „in diesem Jahrhundert sind wir alle die häßlichen Deutschen gewesen“, durch die braune Diktatur und das rote Regime und die Gewohnheit, jede persönliche Schuld zu verdrängen.

Als Frau Simon sprach, zitterten ihre Lippen. Was es mit der Identitätszerstörung des Ostens durch den Westen auf sich hat, preßte sie in die Worte: „Man muß sich ja direkt dafür schämen, daß man in der DDR glücklich war!“ Überhaupt konnten die kühlen Vokabeln der Psychologie und Soziologie, nicht verbergen, welche ungeheure Gefühlsspannung hinter der ganzen Debatte stand. Sie entlud sich immer wieder, sei es in dem Satz: „Ich fühle mich staatenlos“, sei es in dem Bekenntnis: „Ich bin seit Jahren nicht mehr so aufgewühlt gewesen.“

Es kam von einem Wessi. Das Streitgespräch war nicht einseitig, nicht ostlastig. Jüngere redeten von den Berufsverboten im Westen und anderen Repressionen der so wehrhaften Demokratie; Ältere steuerten die Namen Globke, Oberländer oder Lübke bei. Auch die braunen Flecken wurden bloßgelegt. Daß über die gemeinsame, die gesamtdeutsche Schuld und Scham geredet wurde, empfanden die meisten wie eine Befreiung. Aber es bleibt auch die Verzweiflung, wieviel Schutt weggeräumt werden muß – und der Zweifel, ob das geschehen wird, einzeln und, erst recht, zusammen.

Läßt sich, um Brigitte Rauschenbach noch einmal zu zitieren, das (Verdrängungs-)„Schicksal deutscher Wenden wenden“? Wird der deutschdeutsche Diskurs mit dem Kongreß-Motto zu tun haben, nämlich mit Sigmund Freuds klassischer Trias vom Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten? Das ist keine einfache Gebrauchsanweisung, denn darin steckt ja auch eine Warnung: vor dem Wiederholungszwang mangels Erinnerung.

Wenn es denn nicht nur um eine, soweit möglich, politische, juristische und administrative, sondern vor allem auch um eine individuelle Aufarbeitung geht, so hat Alfred Grosser aus Paris in Berlin das Stichwort von der Mitleidensfähigkeit gegeben. Annette Simon formulierte es auf ihre ebenso einfühlsame wie genaue Weise aus: „Wir bräuchten die Liebe, die den anderen fragt, woran er leidet.“ Das wäre ein Anfang. Und machen wir doch gleich Nägel mit Köpfen: Frau Dr. Brigitte Rauschenbach beim Psychologischen Institut der Freien Universität, Habelschwerdter Allee 45, 1000 Berlin 33 ist für Anregungen und die Unterstützung weiterer Vorhaben gewiß dankbar.