Von Robert Leicht

Gerade acht Wochen ist das Gesetz alt – und schon möchten es einige Politiker am liebsten in der Luft zerreißen. Erst seit dem Jahresanfang sind die Stasi-Akten in geregelter Weise zugänglich – und schon heißt es da und dort: Weg damit! Unterdessen wird in den Kanzleien bereits an einem schalldichten Maulkorb für Jochen Gauck, den allgegenwärtigen Sonderbeauftragten, gebastelt.

Wir alle haben uns mit der Öffnung der Akten auf ein geschichtlich einmaliges Experiment eingelassen. Zu ihren Lebzeiten begegnen sich Opfer und Täter der Diktatur über den Dokumenten der Denunziation, Noch nie wurde nach dem Zusammenbruch des Bösen so viel Wahrheit gewagt. Zugleich aber stellte sich niemals zuvor so dringlich die Frage: Was eigentlich ist Wahrheit? Nur das, was die Geheimpolizei notierte?

Jedenfalls wäre es eine Illusion zu glauben, beim zweiten Anlauf in diesem Jahrhundert werde die deutsche Vergangenheitsbewältigung klappen wie am Schnürchen. Noch gilt es, die Maßstäbe, Rollen und Regeln in diesem Spiel auszubilden und zu festigen.

Eines allerdings steht fest: Es gab keine Alternative zur Entscheidung, die Akten zugänglich zu machen. Schon deshalb nicht, weil in der Übergangszeit zu viele Dokumente für den schwarzen Markt beiseite geschafft worden sind. Selbst wenn man darauf verzichten wollte, Mittäter der Stasi zu Recht zu belangen, so muß es doch eine Möglichkeit geben, jene zu entlasten, die zu Unrecht beschuldigt werden. Und schließlich die Opfer: Sie müssen selber entscheiden, wie tief sie in den Abgrund hineinschauen wollen. Aber wir könnten ihnen nicht Versöhnung nahelegen, solange sie nicht wissen dürfen, womit sie sich eigentlich versöhnen sollen.

Zugleich aber ist gewiß: Es gibt keine Vergangenheitsbewältigung im klinisch sauberen Labor. Die Aufarbeitung der Geschichte findet nicht im politisch luftleeren Raum statt; sie wird auch von medialer Sensationslust und parteitaktischen Interessen gesteuert. Vor allem aber ist die Konkurrenz der Aufklärer längst im Gange: hier der Schalck-Untersuchungsausschuß, dort demnächst die Bonner Enquetekommission, hier Justiz und Verwaltung, dort die Bürgerrechtler mit ihrer Volksaussprache.

In diesem Gestrüpp der Sichtweisen und Interessen kann sich die Sonderbehörde für die Stasi-Akten nur behaupten, wenn sie strikte, sachbezogene Neutralität wahrt. Sie hat die Akten zu ordnen und allein nach dem Gesetz zugänglich zu machen – nicht mehr und nicht weniger. Ihre Sache ist die möglichst objektive Information, nicht aber die Frage nach den Konsequenzen. In diesem Streit kann die Behörde weder Partei noch Richter sein. Das gilt auch für ihren Leiter.