Neun Jahre lang tickte die Zeitbombe. Als die irischen Wähler 1983 mit Zweidrittelmehrheit ein absolutes und unbedingtes Abtreibungsverbot in ihrer Verfassung verankerten, dachten sie allein an den Schutz des ungeborenen Lebens. Vor den möglichen tragischen Folgen dieses moralischen Rigorismus verschlossen sie die Augen.

In der vergangenen Woche entfaltete der irische Staatsapparat seine Zwangsmittel, um ein vierzehnjähriges Vergewaltigungsopfer daran zu hindern, daß es in England die erzwungene Schwangerschaft abbrechen ließe. Da zerbrach die Selbstgerechtigkeit des offiziellen Irland. Die Irish Times sprach von einem Abgleiten in die Grausamkeit und zog bittere Vergleiche mit Bukarest und Teheran. Nach dem neunmonatigen Ausreiseverbot, das ein unbarmherziger Richter in erster Instanz über das Mädchen verhängt hatte, druckte dieselbe Zeitung auf ihrer Titelseite eine Karrikatur ab: Ein kleines Mädchen mit Teddybär steht auf der irischen Insel, umgeben von Stacheldraht, darüber das Reizwort Internment, das in Irland ähnliche Reaktionen auslöst wie das Wort Konzentrationslager in Deutschland.

An die 50 000 Irinnen schon haben seit 1983 für Irlands fatale Neigung bezahlt, seinen religiösen Moralvorstellungen Gesetzeskraft zu verleihen. Sie mußten heimlich ins gottlose England reisen, um dort abzutreiben. Immerhin: Keine wurde bislang bestraft; sie sollten bloß den Mund halten.

Mit der Zeit wurde die Suche nach Hilfe im Nachbarland freilich schwieriger; die selbsternannten Wächter über die kanonische Verträglichkeit der irischen Gesetze erreichten, daß auch die Verbreitung der Telephonnummern von englischen Abtreibungskliniken zur Straftat wurde. Also kritzelten beherzte Frauen die verpönte Zahlenkombination an Toilettenwände.

Die Intoleranz der irischen Gesetze – sie zeigt sich auch im Verbot der Ehescheidung, im erschwerten Zugang zu Kondomen, in der fortdauernden Kriminalisierung der Homosexualität und im peinlichen Verhör von Frauen, die sich sterilisieren lassen wollen – entspringt einer kindlichen Sehnsucht nach sittlichem Wohlverhalten. Daß die Regeln dieser Artigkeit dem Kanon der katholischen Kirche entspringen, ist nicht weiter bemerkenswert. Der katholische Glaube bildet den tragfähigsten Pfeiler des ansonsten labilen irischen Nationalbewußtseins.

Die Demonstrationen dieser Tage in Dublin zeigen jedoch, daß gerade jüngere Iren das Sittengesetz der Kirche nicht länger unwidersprochen hinnehmen wollen. So erklärte die Rocksängerin Sinead O’Connor auf einer Kundgebung, sie habe vor drei Monaten zum zweiten Mal abgetrieben.

Die Emanzipation des Staates von der Kirche und die Herausbildung einer pluralistischen Gesellschaft hat beim EG-Mitglied Irland eben erst begonnen. Sie wird erzwungen durch die Urbanisierung des Lebens und die zunehmende Verflechtung mit dem Ausland. Doch der Wertewandel vollzieht sich langsam und gegen zähen Widerstand: Während der Alltag irischer Jugendlicher sich nur noch geringfühig von dem Gleichaltriger im restlichen Westeuropa unterscheidet, beharren die mächtigen katholischen Laien-Organisationen darauf, daß die Gesetze eine heile Welt widerspiegeln. Der unverändert beherrschende Einfluß der Kirche in Schulen und Krankenhäusern bremst den ohnehin schwachen Reformwillen der Politiker weiter.