Von Bernhard Wördehoff

Die Oberbürgermeister von Magdeburg und Altona, Ernst Reuter und Max Brauer, wie ihr Kölner Kollege Konrad Adenauer am 13. März 1933, einen Tag nach den preußischen Kommunalwahlen, von Hermann Göring per Polizeifunkspruch "beurlaubt", kehrten nach dem Krieg aus dem Exil nach Deutschland zurück. Andere "führende Männer der Systemzeit", unter denen Adenauer noch im Juni 1939 in einer Geheimliste der SS aufgeführt war, gingen in den Widerstand. Konrad Adenauer blieb in Deutschland. Vom Widerstand, der auf ihn rechnete, hielt er sich fern.

Im großen und ganzen weiß man, was Konrad Adenauer zwischen 1933 und 1945 tat und was ihm angetan wurde. Man kennt seine Beweggründe, in Deutschland zu bleiben. Längere Zeit war er aus Köln und dem Regierungsbezirk Köln (also auch aus Rhöndorf) verbannt, fand Zuflucht im Kloster Maria Laach und Berlin, zog für ein Jahr nach Neubabelsberg. Das bedeutete für ihn Exil: "Der Weggang von der Heimat fällt mir sehr schwer." Dem Widerstand verweigerte er sich aus persönlicher Vorsicht und sachlicher Skepsis. Er blieb überwacht und gab dem Widerstand keine Erfolgsaussicht, weil er seinen Akteuren nicht traute. Goerdeler empfing er nicht einmal. Vom Militär hielt er nichts: "Haben Sie schon einmal einen General mit einem klugen Gesicht gesehen?" fragte er Jakob Kaiser bei einem verschwiegenen Nachtbesuch. Anfangs glaubte er, wie so viele seiner Zeitgenossen, die Revolution der Nationalsozialisten werde in ruhigeres Fahrwasser geraten.

Es gab für ihn viele Gründe, sich in die Nische völliger Privatheit zurückzuziehen. Er übte Mimikry gegenüber den Machthabern, unterzeichnete Post an offizielle Stellen schließlich "Mit deutschem Gruß" und endlich auch schon mal mit "Heil Hitler". Seinen Abscheu gegen die Machthaber äußerte er nur gegenüber wenigen Vertrauten. Doch Vorsicht und strikte politische Passivität bewahrten ihn nicht vor Pressionen und Drangsal. "Adenauer im Dritten Reich" liegt jetzt als Dokumentenband der Rhöndorfer Ausgabe vor. Hans Peter Mensing hat ihn bearbeitet.

Ende Juni 1934 wurde Adenauer im Zusammenhang mit dem sogenannten Röhm-Putsch für zwei Tage inhaftiert. Das traf ihn wohl weniger als die Serie öffentlicher Angriffe, die in der Verleumdung gipfelten, als Vorkämpfer des rheinischen Separatismus sei er Vaterlandsverräter gewesen. Nach dem mißglückten Staatsstreich vom 20. Juli 1944 erinnerte man sich in Berlin erneut Adenauers, verhaftete ihn, ließ ihn vorübergehend entkommen, setzte ihn wieder fest, diesmal zusammen mit seiner Frau. Ihr Schicksal in diesem Zusammenhang geriet zur Tragödie.

Im Detail ist das alles in diesem Adenauerschen Itinerar 1933 bis 1945 nachzulesen, in Korrespondenz, Berichten, Tagebüchern, Staatsakten und vielen Photos, die Zeitatmosphäre vermitteln. Zum erstenmal auch wird das im April 1933 gegen Adenauer eröffnete Dienststrafverfahren in jedem Schritt dokumentiert. Seine damaligen Rechtfertigungen gegenüber den Machthabern lesen sich heute leicht als Dokumente der Peinlichkeit, wenn er etwa seine wohlwollende Haltung gegenüber Nationalsozialisten im Kölner Rathaus vor 1933 hervorkehrt. Doch befand der in diesem Punkte sicherlich unverdächtige Rudolf Augstein schon 1961, also noch vor der Spiegel-Krise, der heute so anbiedernd wirkende Brief Adenauers zeichne sich durch eine würdige und feste Sprache aus, wenn man die damaligen Zeitläufte in Rechnung stelle.

Man wird die Dokumente also im zeitlichen Bezug lesen müssen, um sich über manches nicht zu wundern. So auch nicht darüber, daß der spätere Bundeskanzler Adenauer, von der Zeitgeschichte als Antipreuße par excellence gesehen, bei den NS-Machthabern als "lange Zeit die Linie der preußischen Politik" mitbestimmende Persönlichkeit galt.