Von Karl-Heinz Janßen

Ihn kennen sie, die Deutschen, die neuerdings nach Königsberg reisen dürfen, zumindest haben sie von ihm gehört. Er ist ihr Türöffner und Freund: der Russe Juri Iwanow, Leiter des Kulturfonds in Kaliningrad. Nun hat er ein Buch geschrieben, dessen Titel schon ein Stück Zukunft dieser zwischen Litauen und Polen eingezwängten russischen Enklave vorwegnimmt: "Von Kaliningrad nach Königsberg". (Imke Menzl und Jochen D. Range haben viel Mühe auf die Übersetzung verwandt und das Original vortrefflich redigiert.) Es ist eine einzige Liebeserklärung an Ostpreußen: Ein Kolonist auf der Suche nach den historischen Ursprüngen seiner neuen Heimat und deren verlorenen Kulturschätzen.

Als Kind überlebte Iwanow die Hungerblockade Leningrads; als blutjunger Soldat und Faschistenhasser betrat er im Frühjahr 1945 das zerstörte Königsberg; dort ging er zur Schule, dort verliebte er sich zum erstenmal. Nach vielen Jahren zur See wurde er Schriftsteller und fand in die Stadt am Pregel zurück, die ihm zur Lebensaufgabe wurde. In ihm steckt etwas von jener erzählerischen Kraft, die auch anderen Dichtern wie Grass, Lenz und Bobrowski eignet, welche ebenfalls das schöne Land zwischen Kaschubien und Sarmatien besungen haben: Mal ergeht er sich behaglich in Schnurren und Phantastereien, mal durchsetzt er fesselnde Dialoge und präzise Beschreibungen von Städten und Landschaften mit traurigen Geschichten von wundersamen Menschen.

Mit graziöser Leichtigkeit plaudert er über die Geschichte Ostpreußens, von Sagen und Mythen. Unbefangen spricht er von seinem "Landsmann Kant", und die Fahndung nach dem Haus des Försters Wobser, wo der Philosoph einmal gewohnt hat, ist ihm genauso wichtig wie jene nach dem Bernsteinzimmer, in dem einst der kleine Juri gespielt hat: "Es war, als säße man in einem Honigfaß." Er setzt sich auch auf die Spuren anderer großer Königsberger: Helmholtz, Herder, Simon Dach, E.T.A. Hoffmann, Käthe Kollwitz.

Immer wieder übermannt ihn die Klage über die "unwiederbringliche Vergangenheit", in der Deutsche, Litauer, Polen und auch Russen hier friedlich zusammenlebten, studierten, Handel trieben, dichteten und beteten. Er beneidet die Polen, die Danzig in alter Schönheit wiederaufbauten. Denn die englischen Bomber und russischen Kanonen hatten noch genug von Königsberg stehengelassen: "Vieles war überhaupt nicht zerstört: das Straßenpflaster, die Bürgersteige, die Steinbrunnen und Steinbänke auf den kleinen gemütlichen Plätzen! Aber alles wurde zerlegt." Nicht nur die deutschen Friedhöfe, selbst die Gräber der russischen Gefallenen von 1914 wurden eingeebnet.

Hätten nicht ein paar vernünftige Russen wie der wackere Bürgermeister Viktor Denissow und später Iwanow und seine Freunde mit List und Schläue dem Zerstörungswerk ideologisch verblendeter Kreml-Gewaltiger und dummer Provinzfunktionäre Einhalt geboten, so wäre nebst dem Schloß auch die Dom-Ruine längst verschwunden und nicht eine einzige Kirche, kein einziges altes Denkmal wiedererstanden.

Das Buch ist dem Gedenken an den ZEIT-Mitarbeiter Georg Stein gewidmet, jenen Obstbauern aus Stelle, der nichts unversucht ließ, das Bernsteinzimmer aufzuspüren, das die Deutschen aus einem Zarenschloß entführt hatten und das zuletzt 1944 in seiner Heimatstadt Königsberg gesehen wurde. Die Heimat hat er nicht wieder betreten, nur sein Archiv gelangte nach seinem schrecklichen Tode dorthin. Iwanow hat viele der Dokumente geschickt in die Rahmenerzählung montiert. So erfährt der Leser nebenher, welche Versionen über den Verbleib des Schatzes dank Stein im Umlauf sind (verschollen in Ostpreußen; untergegangen in der Ostsee; vergraben in einem Stollen; verschleppt nach Amerika); Iwanow fügt zum Schluß eine fünfte Version hinzu: Irgendwelche Russen könnten es 1945, wie so manche anderen Schätze auch, geraubt oder irgendwo in einem verstaubten Lager abgestellt haben...