Von Thomas Hanke

Könnte die Erfahrung eines Bundesbürgers mit dem Bankenstreik etwa so aussehen? Bei der Zweigstelle seiner Bank will er Bargeld abheben – doch leider ist sie geschlossen, das Kreditinstitut wird bestreikt. Kein Problem, wofür gibt es Geldautomaten? Der Gang zum stummen Kassenwart endet mit einer Enttäuschung: „Zeitweilig nicht in Betrieb“, entschuldigt sich der Bildschirm. Offenbar sind schon zu viele Bargeldhungrige vorbeigekommen. Eurocheques hat man leider keine mehr, deshalb wäre es zwecklos, einen Postschalter aufzusuchen. Die Postbank gibt problemlos Bares aus, Streik hin, Streik her.

Noch muß der geplante Einkauf allerdings nicht ins Wasser fallen, schließlich kann man sich in eines der (noch raren) Geschäfte begeben, in denen bargeldlos mit electronic cash bezahlt werden kann. Aber auch da bleibt der Kunde illiquide: Weil das Rechenzentrum bestreikt wird, weigert sich die elektronische Kasse, das Plastikgeld anzunehmen. Der verzweifelte Versuch, auf die Kreditkarte auszuweichen, schlägt ebenfalls fehl: Der Ladeninhaber kann in der Kartenzentrale niemanden erreichen, der eine Genehmigung für den Kauf gibt – und auf den guten Namen des Kunden alleine gibt es keinen Kredit.

Dieses Szenario ist völlig unrealistisch. In vielen Städten wurde zu Beginn der Woche gestreikt – doch die Bankkunden merkten kaum etwas davon. In keiner Stadt haben die Gewerkschaften es darauf angelegt, alle Zweigstellen einer bestimmten Bank lahmzulegen. Sie würden es kräftemäßig auch nicht schaffen. Erst eine flächendeckende Aktion aber würde die Verbraucher wirklich treffen – und auch nur die, die sich kein Geld bei einer kommunalen Sparkasse oder bei der Post besorgen können, weil sie keine Schecks haben.

Selbst dann blieben noch die Geldautomaten: Bis deren Notenspeicher schlappmachen, müssen schon einige Tage ohne Nachschub an frischen Scheinen vergehen. Die elektronischen Kassenhäuschen sind immerhin dafür ausgelegt, den Ansturm des Weihnachtsgeschäfts zu überstehen, ohne leerzulaufen. Ihre Bargeldmenge von rund 200 000 Mark macht sie vielleicht zu lohnenden Zielen für Bankräuber, doch unter einem Streik gehen sie nicht in die Knie.

Trotzdem rieten manche Verbraucherzentralen den Bankkunden schon am vergangenen Wochenende, sich rechtzeitig mit Barem zu versorgen. Mehr als der Streik selbst könnte das panikartige Hamstern von Geld – Ökonomen sprechen von einer erhöhten Liquiditätspräferenz – die Bargeldversorgung in Schwierigkeiten bringen. Es wäre aber keine Katastrophe, wenn einer Zweigstelle tatsächlich einmal die Banknoten ausgingen. Täglich können sich die Kreditinstitute sowie einige große Unternehmen bei den Landeszentralbanken, den Zweigstellen der Bundesbank, mit Geld versorgen. Die Bereitstellung von Banknoten ist übrigens ein kostenloser Service der Bundesbank, nur für Münzen müssen die Banken eine Bearbeitungsgebühr entrichten.

Benötigt ein Kreditinstitut einmal mehr Bargeld als üblich, holt es bei der Landeszentralbank entsprechend mehr ab – vorausgesetzt, sein Kontostand stimmt. Die Banken müssen einen bestimmten Prozentsatz ihrer Einlagen auf einem Konto bei der Bundesbank als sogenannte Mindestreserve halten. Das ist ein Teil der Geldmarktsteuerung durch die Notenbank. Da die Mindestreserven nicht verzinst werden, versuchen die Banken, ihr Konto immer möglichst knapp am monatlich berechneten Sollwert zu halten.