In der allgemeinen Verunsicherung tut es gut, wenn jemand im Grunde alles normal findet. Dies tat Professor Kurt Sontheimer auf einem „Streitforum“ der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn über das Verhältnis zwischen Bürgern und Parteien. Regierungsfähigkeit, sagte der Münchner Politologe in der vergangenen Woche, produzierten die Parteien allemal, ihre schwindende Akzeptanz bei den Wählern und ihre innere Verkrustung hin oder her.

Doch leider hielt er nicht stand, weder den Einwänden aus dem Publikum noch der ironischen Kritik durch den Koreferenten, den Darmstädter Professor Michael Greven. Auf dessen These hin, die Parteien leisteten sich Gesinnungsethik fürs Grundsatzprogramm, hielten es ansonsten aber mit taktischem Populismus und der Demoskopie, nahm Sontheimer seinen Optimismus als einen „etwas hilflosen normativen Appell“ zurück.

Auch Antje Vollmer von den Grünen sah die Parteien vor allem als auf sich eingekrümmte Verwalter des politischen Milieus. Peter Radunski, der ehemalige Bundesgeschäftsführer der CDU, und sein sozialdemokratischer Kollege Karlheinz Blessing widersprachen ihr nicht. Radunski mit seinem Talent zur Provokation konnte sein neuestes Modell vorführen: Die Parteien als strikte Dienstleistungsunternehmen, gegründet auf Mandatsträger, Spenden und nur punktuelle bürgerliche Mitarbeit.

Davor graust freilich Blessing, dem dieser Entwurf wie eine „McDonaldisierung“ vorkommt. Auch andere, wie Johano Strasser aus Berlin, warnten vor einer Entmündigung der Wähler, die mehr Beteiligung verlangten. Es sei „noch Glut unter der Asche“ jener sechziger Jahre, in denen die Machtkartelle der Etablierten von unten her aufgemischt wurden. In den Vereinigten Staaten machen die communitariens von sich reden, die von der Basis aus eine neue Gesellschaft aufbauen wollen. Gerade die Nicht- und Wechselwähler seien, so Warnfried Dettling, einer der Nachdenklichen in der CDU, politisch oft besonders anspruchsvoll.

Leider konnten der Bürgerrechtler Wolfgang Templin und der SPD-Vize Wolfgang Thierse nicht viel zur Debatte beitragen. In der alten DDR muß demokratisches Engagement erst eingeübt werden, auch wenn Templin bereits eine Art partizipatorischer Bewegung vorschwebt. Aber das blieb noch diffus. So schieden die vielen Teilnehmer doch ziemlich ratlos, wenngleich auf einer höheren Ebene.

C.-C.K.