Von Christoph Dieckmann

Wie ein Teddy, so gemütlich wirkte Herr Hammer auf die Kinder. Alle Vierteljahre kam er ins Haus, trank Kaffee und sprach mit Günter Krusche über Gott, die Welt, die Kirche und den Staat: ein "christlich-marxistischer Dialog", wie er aufkam Ende der sechziger Jahre. Der Prager Frühling war gescheitert, der deutsche Status quo etabliert.

Viele Theologen sahen eine Kirche jenseits der realen politischen Verhältnisse verurteilt zur Bedeutungslosigkeit: Nur mit den Machthabern lasse der Staat DDR sich ändern. Nach zwei Jahrzehnten erfolglosen Kirchenkampfes fand die alte protestantische Allianz von Thron und Altar überraschend neue Varianten. Schulterklopfen statt Schläge vors Haupt – das schmeichelte auch und erlaubte dennoch leise Überlegenheitsgefühle gen Westen: Wir, die leidgeprüfte, die bessere Kirche.

Günter Krusche, Jahrgang 1931, war damals Ausbildungsreferent beim sächsischen Landeskirchenamt. Vermittelt wurde ihm Herr Hammer von Horst Dohle, dem Dresdner Bezirkschef für Kirchenfragen. Hammer blieb auch treu, als Krusche mehrmals umzog: Von 1969 bis 1974 war er Studiendirektor des Predigerseminars in Lückendorf, danach neun Jahre Dozent für Praktische Theologie am Ostberliner Sprachenkonvikt, dann, seit 1983, Generalsuperintendent von Berlin. Noch in Dresden hatte sich Krusche, dem Hammers Absender nicht lange ein Rätsel blieb, seinem Bischof offenbart. "Gottfried Noth sagte: ‚Bruder Krusche, ich vertraue Ihnen.‘" Später, in Berlin, vermied es Krusche, sich diesen Passepartout erneuern zu lassen. Gottfried Forck, ein frommer Seelsorger, "war überhaupt nicht fürs Diplomatische". Daß er allein ging und seinen Bischof schonen wollte, belastet Krusche jetzt.

Herr Hammer hörte verständnisvoll von Krusches Pflicht zu seelsorgerlicher Verschwiegenheit, blieb eher philosophisch-allgemein und steckte ihm "für alle Fälle" eine Adresse zu. Nie, sagt Krusche, habe man sich dort getroffen. "Es gab keinerlei konspirative Momente. Für mich waren das eigentlich Gespräche wie viele andere. Ich dachte einfach, ich hätte einen Draht: Man erfuhr, wie die dachten."

Im Herbst 1984 verabschiedete sich Hammer aus Krankheitsgründen. Als Ersatz schickte er "einen guten Bekannten". Dieser, der sich Deutschmann nannte, war ein gröberes Kaliber. Statt Dialog bot er zielbewußte Beschwerden über Pfarrer Eppelmann, Friedenswerkstatt, Basisgruppen... Dabei bedurfte es damals noch mehrerer Jahre staatlicher Restriktion, bis die unruhigen Kirchengeister sich als DDR-Opposition verstanden. "Ich kannte all die schlimmen Dinge an der Basis", sagt Krusche zu den dauernden Übergriffen. "Trotzdem setzten wir in der Kirchenleitung weiter auf Reformen, vielleicht durch relativ gute Erfahrungen auf der oberen Ebene. Wir haben immer den Helsinki-Prozeß hochgehalten. Verglichen mit den sechziger Jahren war das, was wir aushandeln konnten, ein ungeheurer Raumgewinn."

In der vorigen Woche hat Günter Krusche seine Kontakte zur Stasi öffentlich eingeräumt – unter dem Eindruck des Falles Stolpe und einer Entdeckung, die der Exdissident Ralf Hirsch beim Studium seiner MfS-Akten machte. Vier Mitglieder der Kirchenleitung fand Hirsch als Inoffizielle Mitarbeiter geführt: zwei aus Berlin, einen aus Potsdam, einen aus Dresden – Krusche? Der erklärt, bis vor kurzem habe er nicht mal gewußt, was ein IM ist, geschweige denn sich jemals als solcher verpflichtet. Nun fühle er sich "doch ein bißchen mißbraucht". Dennoch hoffe er, und erinnert an ungezählte Vermittlungsgeschichten, durch seine Kontakte "manches bewirkt und niemandem geschadet zu haben. Falls doch, wäre das allerdings für mich ein Rücktrittsgrund."