Von Dorothea Mommsen

STAHNSDORF/Kreis Potsdam. – Mit Beunruhigung verfolge ich derzeit den Beginn einer „Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit“, bei der der Maßstab offenbar allein aus dem Blickwinkel des Westens gesetzt wird: Was dem sozialistischen Regime geschadet hat, ist positiv zu bewerten. Was in seinem Interesse geschah und ihm nützte, ist angreifbar und verwerflich.

Wie aber kann man das Handeln von Menschen gerecht bewerten, die in einer Gesellschaftsordnung aufwuchsen, in der nach der sozialistischen Ethik das genau Umgekehrte dessen galt, was heute gilt? In der der Grundsatz fast schon zu einer Religion erhoben wurde, daß kein anderes Handeln höher zu bewerten sei, als den Sozialismus vor inneren und äußeren Feinden zu schützen, ihn zu stärken und sich für ihn einzusetzen, wobei dieser Zweck bisweilen eben auch die Mittel heiligte?

Wenn wir zu einer echten Aufarbeitung der Vergangenheit kommen wollen, die nicht zu einseitig im Sinne des „Siegers“ gefärbten und daher zu falschen Ergebnissen führt, dann müßte jetzt erst einmal eine Auseinandersetzung darüber beginnen, welches Gesellschaftssystem im Interesse der gesamten Menschheit eine aus ethischer Sicht, besser zu rechtfertigende Existenzberechtigung besitzt: der Kapitalismus oder der Sozialismus? Dies gilt jedoch als müßig, weil der Sozialismus fast überall auf der Welt gescheitert ist. Nun müßten aber zumindest die Gründe und Ursachen dafür analysiert werden.

Gibt es nicht auch andere als die immer genannten Ursachen für das Scheitern der DDR? Etwa die so unterschiedliche Ausgangssituation in beiden Teilen Deutschlands, bei der in den westlichen Teil etwas hineingestopft und aus dem östlichen Teil etwas herausgeholt wurde (Marshallplanhilfe beziehungsweise Hauptlast der Reparationen). Spielt nicht auch eine Rolle, daß der Kapitalismus den Egoismus der Menschen anspricht und letztlich alles Geschehen auf dieser gewaltigen Triebfeder beruht, während der Sozialismus das Gemeinwohl vor das Eigenwohl stellt und sich mit den armen Ländern solidarisiert?

Die friedliche Revolution in der DDR sollte mit Gorbatschows Perestrojka auch hier den Sozialismus reformieren und ihn auf seine ursprünglich menschlichen Ziele zurückführen. Aber der „Goldrausch“, die Sucht nach der D-Mark und die vom Westen vorgegaukelten „Ideale“ des uneingeschränkten Konsums erwiesen sich auch bei uns als stärker. Doch behält der Stärkere nur darum recht, weil er Sieger war beziehungsweise seine Triebfeder sich als mächtiger erwies? Damit würden wir alle christliche Ethik auf den Kopf stellen.

Soll also bei der Aufarbeitung der Vergangenheit, bei der möglichst alle herausragenden Persönlichkeiten der ehemaligen DDR, sei es in Kirche, Wissenschaft oder Politik, mit Schimpf und Schande ausgelöscht werden, wieder nur das Recht des Stärkeren gelten?