Selbst geredet hat er nicht, aber ein Zitat von ihm war als Leitmotiv auserkoren: „Die freiheitliche Ordnung zeichnet sich dadurch aus, daß vieles nicht durch den Staat, sondern durch die Bürgergesellschaft vorangebracht wird.“ Richard von Weizsäckers Worte könnten allerdings auch von Theodor Heuss stammen, fand Hildegard Hamm-Brücher, die am vergangenen Samstag in Stuttgart den 28. Heuss-Preis verlieh. Die Laureaten: die Ausländerbeauftragten der Länder und Kommunen, eine Brandenburger Schülerinitiative gegen Gewalt und Rechtsextremismus sowie das deutsch-polnische Begegnungszentrum „Via Regia“ in Görlitz-Zgorzelec.

Der Name der polnischen Grenzstadt bereitete anfangs einige Schwierigkeiten. Doch nach ein paar Übungen konnten ihn alle Gäste aussprechen: „Zgorschelez“, mit Betonung auf der zweiten Silbe. „Das müssen wir lernen“, sagte Hildegard Hamm-Brücher und überreichte eine Medaille. Der polnische Vertreter bedankte sich mit einem Handkuß. Auch in Stilfragen könnten wir vielleicht noch so manches dazulernen.

Scharfmachern und Radikalinskis wolle sie Paroli bieten, so das Credo der liberalen Dame, „wohlwissend, daß dies für die Harmonie unseres festlichen Beisammenseins nicht ohne Risiko sein könnte“. Das Risiko ist dennoch klein gehalten worden, waren doch Politiker geladen, die sich gegenseitig immerhin als „befreundete Gegner“ bezeichnen. So charakterisierte Ministerpräsident Rau seine Beziehung zu Bundesjustizminister Kinkel und Stuttgarts Oberbürgermeister Rommel. Sie alle sollten nach der Preisverleihung Rede und Antwort stehen bei ebenso heißen wie heiklen Fragen in Sachen Einbürgerungsgesetz, Flüchtlingspolitik, Asylrecht.

Kinkel als Exot – „schließlich bin ich erst seit zwölf Monaten im Amt“ – blieb sich treu und betonte, eine Grundgesetzänderung sei weder notwendig noch der Königsweg. Was die Reform des Staatsangehörigenrechts betreffe, sehe er zumindest eine Aufweichung der Haltung des Bundesinnenministeriums. „Es ist nicht aller Tage Abend“, ermutigte Kinkel.

Manfred Rommel, im Wahlkampf, blieb sich und seinem Ministerpräsidenten treu und sprach sich, „ein kommunales Wort“ ergreifend, für eine Ergänzung des Grundgesetzes aus. Schließlich gelte: „Zwei Juristen, zwei Meinungen, Herr Minister.“

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Die Einführung des Jus solis (Bodenrechts) und die Doppelstaatsangehörigkeit liegen dem Oberbürgermeister aber dennoch am Herzen. Viele, die beim Gedanken an eine multikulturelle Gesellschaft um den Bestand der deutschen Kultur fürchten, übersähen nämlich, daß Schiller und Goethe keineswegs Heimatdichter gewesen seien, sondern Menschen, die „europaweit aufgenommen und ausgestrahlt“ haben. Auch wenn sich Spuren ihres Dialekts in ihren Werken wiederfänden, zum Beispiel: „Neiche, Du schmerzensreiche“.