Eines der frühen Portraits, 1965 in Chicago entstanden, zeigt zwei etwa zwölf- bis fünfzehnjährige Jungen in einem Schnellimbiß. Vor ihnen auf dem polierten Kunststofftisch stehen eine Limonade- und zwei angebrochene Colaflaschen. Hinter ihnen lächelt eine Frau von einer Werbetafel: „Come alive! you’re in the Pepsi-Generation“. Der ältere der beiden Jungen blickt zur Seite, der jüngere sieht in die Kamera, und in seinem Ausdruck ist nichts von der in der Werbung geforderten Lebendigkeit. Die Colaflaschen vor den Jungen wirken wie Grenzpfosten, die nicht nur sie und den Betrachter des Photos voneinander trennen.

Danny Lyon, 1942 als Kind russisch-deutscher Eltern jüdischen Glaubens in New York geboren, hat neben das Photo einen Zettel gehängt: Die Ausstellung in Essen widme er dem Andenken an seinen Vater Dr. Ernst F. Lyon, der in St. Ingbert geboren wurde und Deutschland nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verließ. „Seine Tante Frieda Rosenmeyer und sein Onkel Julius, Brandenstein“, notiert er, „wurden von Dortmund nach Theresienstadt deportiert und begingen dort Selbstmord. Sein Cousin Hugo Schiff, dessen Frau Erna und die beiden jugendlichen Töchter wurden von Worms am Rhein nach Riga deportiert und dort umgebracht.“ Dieser in unmittelbarer Nähe des Bildes der beiden Jungen hängende Zettel scheint zunächst nichts zu tun zu haben mit diesem und den anderen ausgestellten Photos und spiegelt doch ebenso wie sie den Versuch, Lebens- und Zeitgeschichte von einem subjektiven Standort aus festzuhalten. „Ich denke nicht, daß man Leben objektiv leben kann. Dieses ganze Gerede von ‚objektiver Berichterstattung’ ist einfach Blödsinn“, erklärt Lyon. Er gilt als jemand, „dem es wichtig ist, sich ganz in sein Gegenüber hineinzuversetzen und dessen Leben zu teilen“.

Danny Lyon schafft Nähe und ermöglicht es dem Betrachter seiner Photographien, diese Nähe zu spüren. Mit seiner Kamera scheint er immer nur Nahaufnahmen zu machen – selbst dann, wenn er einige Meter entfernt steht vom Gegenstand seines Interesses. Fast immer richtet sich seine Aufmerksamkeit auf die Ränder der Gesellschaft, auf Außenseiter und Verlierer, für die sich der amerikanische Traum nicht erfüllt hat. „Sehen wir uns an, was Leben im tiefen Süden heißt, wenn man Schwarzer ist, was Freiheit in einem texanischen Gefängnis heißt und was für einen Motorradfahrer das Streben nach Glück bedeutet“, sagt Danny Lyon und nutzt die Photographie und, von 1969 an, auch den Film als Ausdrucksmittel, „die direkt mit dem Leben zu tun haben“.

Seine ersten Reportagephotos entstanden 1962/64 von und für die Bürgerrechtsbewegung im Süden der USA. Wie auch die späteren Bilderfolgen über Gefangene in Texas oder die Armut und Unterdrückung in Lateinamerika sind sie von

einer ungewöhnlich starken Emotionalität und Körperlichkeit. Oft scheint es, als könne man die Haut der Portraitierten fühlen. Diese Qualität wird auch in seinen Photos von den Mitgliedern eines Motorradclubs deutlich, die er 1968 in seinem ersten Buch „The Bikeriders“ veröffentlichte. Bis heute sind Bücher für ihn die adäquate Präsentationsform seiner Arbeiten. Er gibt sie selber heraus. Das sichert ihm Unabhängigkeit in der Auswahl und Gestaltung seiner Themen.

Von der „Kraft des Überlebensinstinktes und dem Wunder des ‚Lebendigseins‘“ sprach ein Kritiker angesichts der Arbeiten von Danny Lyon. Mit etwa 170 Photos und acht Filmen des Autodidakten, der ursprünglich Geschichte studiert hat, weist die Ausstellung eindrucksvoll auf dieses „Wunder“. Sichtbar wird dabei auch die Kraft der Bilder, die von Straßenkindern ohne Zukunft erzählen, von Jugendlichen, die sich in Karambolagerennen zu beweisen suchen, Gefangenen, die mit geschorenem Kopf wie Opfer wirken, und von der eigenen Familie. In den aus alltäglichen Familienbildern zusammengesetzten Arrangements von Danny Lyon gehen verschiedene Zeit- und Realitätsebenen ineinander über, treffen die Lebenden auf die Toten und verbinden sich zu einer Geschichte. „Come alive!“ (Museum Folkwang bis 12. April, anschließend in Odense/Dänemark, Stockholm, London und Barcelona; Katalog 37,– DM, Buchhandelsausgabe 68,– DM)

Raimund Hoghe