Berlin, Potsdamer Platz, 1990. Von der Mauer stehen noch Reste; da, wo sie verschwunden ist, haben ein paar Wohncontainer Platz gefunden, provisorische Behausungen im märkischen Sand. Ein Stück Wüste in der Großstadt, begrenzt von den Plattenbauruinen der Leipziger Straße. Freiwillig hält sich hier keiner auf; das ehemalige Niemandsland taugt bestenfalls zum Übergang von der einen zur anderen Hälfte Berlins. Und doch gibt es Leute, die hier zu Hause sind; in den Containern leben Asylbewerber, Flüchtlinge, Übersiedler: Transit-Existenzen. Elfi zum Beispiel, vierzehn Jahre alt. Mit ihrer Mutter kam sie im Herbst 89 über Prag in den Westen. Der Opa wohnt noch in Ostberlin. Aber zurück wollen sie nicht. Eine neue Wohnung kann die Mutter nicht bezahlen. Sie ist arbeitslos, die Kaution beträgt 3000 Mark.

Der erste Film von Michael Klier war schwarzweiß und hieß "Überall ist es besser, wo wir nicht sind". Darin macht sich ein Pole von Warschau auf nach Berlin und dann nach New York. Aber New York sieht aus wie Polen: Der Held, der auszieht, sein Glück im Westen zu suchen, findet immer nur den Osten. Kliers zweiter Film, "Ostkreuz", ist in Farbe gedreht. Aber seine bunten Bilder sind noch trister und seine Helden haben die Hoffnung auf einen besseren Ort längst aufgegeben.

Jeden Abend kehrt Elfi zum Durchgangslager zurück, in das karge gemeinsame Zimmer, das sie mit der Mutter teilt. Zehn Quadratmeter vielleicht, mit Resopaltisch, Plastikgardine und Gemeinschaftsklo. Jeden Abend steht an derselben Stelle vor der Siedlung ein alter Mann und vertritt sich frierend die Beine. Jeden Abend geht Elfi schweigend an ihm vorbei.

Zum Frühstück trinkt Elfi die Milch aus der Packung. Sie raucht in flachen, hastigen Zügen, die Handschuhe zieht sie dafür nicht aus. Das halblange Haar trägt sie hinter die Ohren geklemmt; vielleicht wirkt ihr Gesicht deshalb so schutzlos. Den Kopf hält sie meistens gesenkt. Wenn sie spricht, dann tut sie es plötzlich und knapp: kein Wort zuviel. Die Laiendarstellerin Laura Tonke verleiht Elfis Trotz eine eigentümliche Souveränität: Es ist der Trotz eines Menschen, der nichts zu verteidigen hat. Wenn Elfi doch jemanden ansieht, dann mitten ins Auge: jeder Blick ein Angriff.

Elfi zieht los, um das Geld für die Kaution aufzutreiben. Sie gerät an den Polen Darius (Miroslaw Baka). Darius bringt gefälschtes Geld in Umlauf, handelt illegal mit Fleisch und verschiebt geklaute Autos in den Osten. Elfi hilft ihm und will dafür die Hälfte vom Gewinn. Einmal holen sie einen Sack mit einem toten Schwein ab, tragen ihn vorbei an Lagerschuppen und Wellblechbaracken. Das Schwein ist schwer, sie können es kaum tragen. Darius setzt sich auf den Sack, Elfi daneben. Er küßt sie. Sie wehrt ihn ab, schaut in den Sack und sagt: "Es stinkt. Faules Fleisch." Da gibt Darius auf. Elfi verkauft das Schwein ohne ihn.

Man könnte sagen, Michael Klier habe einen neorealistischen Film gemacht. Das wiedervereinigte Deutschland im Jahre Null, ein Rossellini-Remake. Aber der Neorealismus rang der Armut noch Poesie ab, begriff den Überlebenswillen als eine Leidenschaft. Die Helden der neorealistischen Filme klammerten sich an eine Hoffnung, sie wurden betrogen, verzweifelten und hofften von neuem. Und die Menschen im Kino teilten ihren Wunsch nach dem kleinen Glück und wärmten sich daran. In "Ostkreuz" dagegen fängt man selber an zu frieren. Selbst wenn die Sonne scheint, fällt nur ein fahles Licht. Und die Schauplätze in "Ostkreuz" hat nicht der Krieg zerstört; die leerstehenden Häuser sind Neubauruinen. "Ostkreuz‘ ist ein Film, der in einem Dekor der Vergangenheit von der Zukunft handelt", sagt Michael Klier.

Von Nagisa Oshima gibt es einen Aufsatz mit dem Titel "Verbannt das Grün". Vielleicht haben Michael Klier und die Kamerafrau Sophie Maintigneux ihn gelesen. Grün jedenfalls, und sei es nur ein Grashalm, bleibt in "Ostkreuz" ausgespart. "Wenn man im Film zwei Personen zeigen will, die einen ernsten Konflikt miteinander austragen, reicht schon ein Schimmer Grün, um die Spannung zu unterbrechen und einen faden Geschmack hineinzubringen: Die Szene wird mild. Grün besänftigt das Herz der Zuschauer. Ich weiß nicht, wie die Menschen anderer Länder reagieren, aber ich bin sicher, daß es bei den Japanern so ist: Grün versüßt ihre Gefühle." Es war Oshimas zweiter Film und sein erster Farbfilm, in dein er auf die Farbe Grün verzichtete: "Nackte Jugend" von 1960.