Medizinern in Ost und West ist ein böses Sprichwort über den Umgang mit Statistiken geläufig: „Ein jeder reinigt auf seine Weise, der eine laut, der andere leise.“ In diesen Tagen ist es um eine angebliche „Reinigung“ von geburtshilflichen Leistungszahlen laut geworden: Ärzte der Medizinischen Akademie in Erfurt sollen zwischen 1960 und 1982 extrem unreife frühgeborene Kinder (unter 1000 Gramm Geburtsgewicht) in einem Wassereimer ertränkt haben. Verstorben, so wird spekuliert, hätten sie dann als Fehlgeburten registriert werden können. Diese Vermutung wird mit dem Eifer staatlicher Gesundheitsbürokraten begründet, um mit den Perinatalstatistiken im internationalen Wettbewerb glänzen zu können. Eine geringe Neugeborenensterblichkeit gelte als Beweis für die Leistungsfähigkeit sozialistischer Gesundheitsfürsorge. Der Wettkampf der Systeme war hart, weil er am Erfolg im Westen gemessen wurde. Zu dieser Zeit sah es für uns auf diesem Gebiet nicht immer gut aus, denn die Neugeborenensterblichkeit war im Westen zeitweilig höher als im Osten.

Und jetzt der nachträgliche Vorwurf in unseren Medien, die östliche Geburtsstatistik durch Ertränken verbessert zu haben. Eine schlimme und gleichzeitig dumme Beschuldigung: Schlimm, weil unterstellt wird, daß in der ganzen DDR ärztliche Monster am Werk waren. Natürlich sind Einzelfälle denkbar, aber für die Perinatalstatistik der kleinen Zahl wegen kaum relevant. Dumm, weil jeder wissen sollte, daß zu einer Verschönerung der Statistik bereits ein Bleistift genügt.

Extrem unreife Frühgeborene unter 1000 Gramm starben bis vor zehn Jahren überall kurz nach der Geburt. Eine lebensrettende Behandlung der schweren Unreife gab es weder im Westen noch im Osten. Wiederbelebungsmaßnahmen der atemlosen (asphyktischen) Winzlinge wurden daher nicht unternommen. Heute erst, bei Verfügbarkeit raffinierter Beatmungsmaschienen, elektronischer Infusionspumpen und Inkubatoren, sind die Ergebnisse der neonatologischen Intensivbehandlung günstiger als damals. Die untere Behandlungsgrenze liegt jetzt bei 750 Gramm. Unsere heutigen Standards haben damals nicht gegolten. „Abgestellt“ in einer Glasschale, oft notgetauft und eingewickelt in Tücher wurden die todgeweihten Kinder auch im Westen. Bei Zangenentbindungen und anderen Eingriffen stehen Eimer neben dem Gebärbett. Zur Aufnahme von Blut oder Nachgeburt, nicht für das Baby. Beim Messen und Wiegen wurde in Ost und West bei verstorbenen Kindern großzügig und menschlich verfahren. Denn Kinder mit einer Länge von weniger als 35 Zentimeter und leichter als 1000 Gramm müssen nach den gesetzlichen Bestimmungen hüben wie drüben nicht beerdigt werden. Das spart nicht nur Geld, sondern auch durch den ausbleibenden Eintrag ins Familienbuch spätere Erinnerung an den unglücklichen Ausgang einer zurückliegenden Schwangerschaft.

Die Vermutung, die Ostärzte hätten die Schönung ihrer Zahlen durch Ertränken von Frühgeborenen betrieben, findet in den früheren Statistiken keine Stütze. Die Frühgeborenenhäufigkeit in Deutschland ist seit dem Krieg unverändert hoch: 5,5 bis 6,0 Prozent. Hierfür sollen soziale und ökonomische Risikofaktoren verantwortlich sein. Hoffentlich erweisen sich die Horrorberichte nicht als Risikofaktor für werdende Mütter, denn wer will schon von ärztlichen Monstern entbunden werden? Zum Glück glaubt man kaum mehr der West-Presse: deren Ruf ist im Eimer.

Hans Harald Bräutigam