Das Schicksal des Kosmonauten Krikalow: Wenn zwischen Start und Landung ein Imperium untergeht

Von Theo Sommer

Eine Saga? Ein Gleichnis? Auf jeden Fall ist das Schicksal des Sergej Krikalow ein dramatischer Stoff, der eines Dostojewski, eines Dürrenmatt oder auch eines Ionesco würdig wäre.

Als der Kosmonaut dritter Klasse am 18. Mai 1991 zur Weltraumstation Mir startete, schien die sowjetische Welt noch in Ordnung. Gorbatschow regierte im Kreml; das Land bewegte sich schwerfällig auf eine Wirtschaftsreform zu; die Verantwortlichen brüteten über der Verfassung einer "erneuerten Sowjetunion". Der 34jährige Weltraumfahrer stand in regelmäßigem Funksprechkontakt mit der Zentrale. Der Proviant, obwohl spartanisch, enthielt reichlich Vitamine und Aufbaustoffe. Krikalow hatte klar umrissene Forschungsaufträge. In seiner bequemen Raumstation – alles in allem 270 Quadratmeter – wartete er auf seine Ablösung. Planmäßig war sie, nach sechs Monaten in 400 Kilometer Höhe, für vorigen Oktober vorgesehen.

Aber dann ging nach und nach einiges Entscheidende schief.

Erst wirkte sich bis in den Weltraum aus, was auf Erden das Los der Menschen zwischen Bug und Beringsee bestimmte: ein eiserner Sparzwang. Einige der Relais-Schiffe auf den Weltmeeren wurden heimbeordert. Funksprechkontakt gab es von da an nicht mehr alle 85 Minuten, sondern nur noch alle fünf Stunden. Von dem Putschversuch gegen Gorbatschow am 19. August erfuhr Krikalow durch Radio-Amateure.

Kurz danach löste die alte Sowjetunion sich in ihre Bestandteile auf, die Partei mußte ihre Tätigkeit einstellen, die rote Fahne wurde über dem Kreml eingeholt, Gorbatschow ging in Pension. Krikalow bekam das heraufziehende Ende der Reichseinheit am eigenen Leibe zu spüren. Schon im Oktober übernahm die Republik Kasachstan den auf ihrem Gebiet gelegenen Weltraumbahnhof Baikonur und hob die Startgebühren drastisch an. Um den Preis zu drücken, verfiel die russische Raumfahrtbehörde Glavkosmos auf die Idee, beim nächsten Start den kasachischen Kosmonauten Toktar Aubakirow zur Mir-Station mitzunehmen. Der allerdings hatte weder die Ausbildung noch die Form, sechs Monate lang im All zu bleiben; er mußte daher mit der gleichen Fähre zurückkehren. Das kostete Sergej Krikalow seine Oktober-Rückfahrkarte. Seitdem packt ihn gelegentlich das Heimweh.