Bad Reichenhall

Wie ein kleines Sanatorium sieht sie aus, die Tierklinik Seebichl in dem engen Gebirgstal zwischen Salzburg und Bad Reichenhall. Gepflegte Wanderwege zur Linken und Rechten, vor dem Haus mit den angebauten Seitenflügeln wie im Bilderbuch der klare Bach, dahinter die bewaldeten Ausläufer der Berchtesgadener Alpen – eine, sanfte Idylle und gemütsstarke Mischung aus Gebirgsluft, Tierliebe und Schonkost. Doch das Kleintierkrankenhaus mit den 36 Boxen für die stationären Fälle, dem Operationsraum, dem Labor und der Fachbibliothek, dem Sprech- und Wartezimmer für grünfüßiges Teichhuhn, Hausziege und Kanarienvogel soll Anfang März geschlossen werden, nur eine Tierarztpraxis wird bleiben.

Schuld daran ist ein geheimnisvoller Farn namens Illyrische Klappernuß und mit ihr ein extensiv ausgelegter und kompromißlos angewandter Naturschutz. Denn irgendwo am Rande des Gebirgstales – genau wissen es nicht einmal die Einheimischen – soll diese Klappernuß wachsen, und sie braucht fatalerweise genau jene aus dem Bach verdunstende Feuchtigkeit, die der Tierklinik und den dort arbeitenden und wohnenden Menschen so zusetzt. Jedenfalls hat sich in dem Kampf Mensch gegen Natur das edle Gewächs bisher durchgesetzt und das nun schon über zwei gerichtliche Instanzen. Deshalb ist es nicht nur ein Anfall von Melodramatik, wenn der Klinikchef Claus-Michael Pautzke erklärt: "Mein Lebenswerk wird durch die Illyrische Klappernuß zerstört."

Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Als Pautzke das historische Brunnenhaus, in dem noch in diesem Jahrhundert Salinenarbeiter gewohnt hatten, vor sechzehn Jahren erstand und neu herrichtete, galt das Projekt landauf, landab als beispielhaft. Rund eine Million Mark ließ sich der Tierarzt die Sanierung der Pumpstation kosten, ein Stück Alltagskultur der Salzgewinnung im Reichenhaller Land war gerettet.

Dann allerdings wurde die Staatsstraße 2101 durch das enge Tal gebaut, und damit begann für die Pautzkes, die mittlerweise in der Tierklinik wohnten, der Verdruß. Sie bekamen nicht nur den umgeleiteten Bach bis auf wenige Schritte vor die Haustür gelegt – durch die hochaufgeschüttete Trassenführung befand sich ihr Haus auch plötzlich in einer schattigen, feuchten Mulde. Besonders schlimm für die Familie ("wir sind alle Allergiker geworden") war der Sommer, wenn nicht geheizt werden konnte, die Sonne aber nur für ein paar Stunden Wärme und Trockenheit ins feuchte Gemäuer brachte.

Flüchten kam für Claus-Michael Pautzke nicht in Frage. Er gab ein Gutachten in Auftrag und hatte die Quelle allen Ärgers bald gefunden – der Bach war’s. Und nun faßte der streitbare Veterinär jenen Entschluß, der ihn seit 1986 auf Trab hält und ihn, wie weiland Michael Kohlhaas, in die Schlacht seines Lebens führte. Er wollte die dreißig Meter Bachlauf vor seinem Grundstück überdachen lassen – nicht mit schnöden Holzbrettern, sondern mit einer "ökologisch schonenden" Dachkonstruktion, die, an einigen Stellen verglast, dem Bach sogar Tageslicht beschert hätte.

Doch so einfühlsam Pautzke auch zu Werke gehen wollte, er sah sich von Anfang an einer mächtigen Phalanx gegenüber. Landratsamt, Wasserwirtschaftsamt und Veterinäramt fühlten die Stunde des Widerspruchs gekommen. Pautzkes Bach-Dächlein sollte um jeden Preis verhindert werden. Das Veterinäramt, auf die private Tierklinik ohnedies nicht gut zu sprechen, setzte noch eins drauf: Es sei unzutreffend, konstatierte es schroff, "daß für eine ausreichende tierärztliche Versorgung ein weiterer Betrieb der Tierklinik Seebichl erforderlich ist". Dem schloß sich später auch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof an, als er Pautzkes Klinik als "privatnützig" klassifizierte. Eine immerhin merkwürdige Einschätzung vor dem Hintergrund, daß Seebichl rund um die Uhr geöffnet hatte und rund 6000 Tierhalter ihre Lieblinge dort versorgen ließen.