Es ist nicht üblich, daß sich die politische Linke der Bundesrepublik intensiv mit der katholischen Soziallehre oder gar mit der politischen Vorstellungswelt des amtierenden Papstes auseinandersetzt und diese auch noch als ernst zu nehmende Antworten auf gesellschaftliche Fragen behandelt. Otto Kallscheuer, zuletzt Lektor beim Berliner Rotbuch Verlag, hat in seinen jetzt als Buch vorliegenden Aufsätzen fast ein Tabu gebrochen. Er schreibt witzig und provokant, seine Texte sind gespickt mit Anspielungen auf einen linken Diskurs, dem er sich selbst erkennbar verbunden fühlt, den er zugleich doch immer wieder ironisiert, indem er Überlegungen, die aus gänzlich anderen politisch-kulturellen Milieus stammen, in diesen Diskurs übersetzt und so beide zwingt, sich aneinander abzuarbeiten.

Das Thema, das die in den letzten Jahren entstandenen Essays und Vorträge Kallscheuers behandeln, ist der fortbestehende Zusammenhang zwischen Glauben und Politik in der Moderne, und zwar sowohl des Glaubens, der sich als solcher weiß und bejaht, wie etwa katholische Gesellschafts- und Politikvorstellungen oder auch der islamische Fundamentalismus, als auch des Glaubens, der nicht weiß oder doch zumindest nicht wahrhaben will, daß auch er ein Glaube – und nicht etwa wissenschaftliche Wahrheit – ist, von der marxistischen Orthodoxie und ihrem Glauben an das Proletariat über die ökologischen Glaubenssysteme bis hin zum Glauben an den Fortschritt, der von Kallscheuer einmal als der Ursprungsmythos der Linken bezeichnet wird, der aber ebenso als ein liberaler Glaube angesehen werden kann.

Kallscheuer stellt solchen Glaubenslehren nicht die Perspektive der Aufklärung, Ideologiekritik und Verwissenschaftlichung des Wissens, entgegen, wie dies die Linke ehedem überwiegend getan hat, sondern behandelt solche Glaubensfragen mit skeptischem Wohlwollen. Er bleibt allen Glaubenslehren gegenüber erkennbar auf Distanz, ist aber nicht darum bemüht, sie zu widerlegen. Im Gegenteil: Er stellt fest, daß nach dem Zusammenbruch des sogenannten real existierenden Sozialismus die katholische Soziallehre zur Zeit die einzig glaubwürdige, antikapitalistische Botschaft enthalte; er konstatiert mit einer gewissen Befriedigung, daß sich Johannes Paul II. nach dem Ende der sowjetisch dominierten atheistischen Systeme im Osten nunmehr kritisch mit dem Kapitalismus auseinandersetzt, und er weist ausdrücklich jene Kritik zurück, die jeden Zweifel am Fortschrittsglauben sogleich mit dem Verbotsetikett Gegenmodernisierung und Fundamentalismus belegt.

„Marx, Christus und andere Tote“ lautet der Untertitel des Buches. Darin ist die Ambivalenz von Kallscheuers Überlegungen gut faßbar: Tote, das sind zum einen diejenigen, die mit ihrem Ableben Bedeutung und Einfluß verloren haben; sie sind von der Tagesordnung abgesetzt. Tote sind zum anderen aber auch die Bezugsgestalten nahezu aller Glaubenslehren, durch die sie über ihren Tod hinaus bedeutsam sind und Einfluß haben. Kallscheuer ist erkennbar kein Anhänger einer der von ihm skizzierten Glaubenslehren, aber er ist auch keiner, der ein ihnen entgegengesetztes wissenschaftliches Programm entwirft. Mit Blick auf die europäische Zukunft schlägt er eher vor, sich auf Toleranz gegenüber solchen Glaubenslehren einzustellen, die gesellschaftsverändernde Kraft in ihnen ernst zu nehmen und zu nutzen, und er stellt etwas zur Diskussion, was für die Linke früher nicht zur Debatte stand: die Frage, ob die moderne Demokratie auf Dauer ohne solche Glaubenslehren überleben könne. Kallscheuer gibt keine abschließenden Antworten, dafür aber um so mehr Anregungen.

Herfried Münkler

Otto Kallscheuer:

Glaubensfragen

Über Karl Marx & Christus & andere Tote; Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1991; 296 S., 36,– DM