Als der Geheime Hofrat und medizinische Ehrendoktor Max Klinger an einem Novembertag im Jahr 1919 die Tageszeitung aufschlägt, liest er die Nachricht von seinem Tod. Der 62jährige hat zwar einige Wochen vorher einen Schlaganfall erlitten. Die ganze rechte Seite des Körpers war gelähmt. Aber er hat sich erholt, so weit sogar, daß er am 22. November Gertrud Bock heiraten konnte.

Ein Traumbild, real geworden, auf Zeitungspapier gedruckt. Giorgio De Chirico, der metaphysische Maler, erzählt diese kleine Geschichte in seinem Aufsatz über Klinger. Ein Schlaglicht, das für ihn die Gestalt des Künstlers blitzartig erhellt. In Klinger bewundert er "den modernen Künstler schlechthin", einen, der die Grenze zwischen Realität und Traum aufgehoben habe, der wie er Bilder des Unterbewußten auf die Welt projiziere.

Beide haben Nietzsche und Schopenhauer gelesen, beide sind Künstler-Philosophen. Während De Chirico sich in seinen Bildern in eine leere antike Welt zurückversetzt, versucht Max Klinger noch Idealismus, Antike, Sinnlichkeit und Gegenwart miteinander in Einklang zu bringen. Er kennt alle Kulturmetropolen Europas, ein philosophierender Künstler, der die Aufsplitterung der Künste auf Kosten der einen großen Kunst beklagt. Für viele Zeitgenossen ist er ein Held, ein Großer ähnlich Leonardo und Michelangelo, eine geistige Potenz.

Andere erkennen in dem 1857 in Leipzig geborenen Sohn eines Seifenfabrikanten nur einen Sachsen mit überdimensionierter Gelehrtenbrille, einen Gefühlspinseier und Kunstdekorateur, der "sich zwischen Fabrikschornsteine eine homerische Welt aufbaut" (Karl Scheffler). Umstritten war Max Klinger zu jeder Zeit. Wie Giorgio De Chirico auch.

Die Städtische Galerie im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt zeigt jetzt eine Max-Klinger-Retrospektive, die den Künstler umfassender als bisher vorstellt. Mit den Graphik-Folgen, die seit den siebziger Jahren immer wieder ausgestellt werden, mit den großen mehrfarbigen, polylithen Skulpturen, mit den weniger bekannten Gemälden und kunstgewerblichen Arbeiten, die Klinger schuf. Eine Schau, die vom Leipziger Museum der bildenden Künste vorbereitet worden ist und im Austausch zur Max-Beckmann-Schau aus dem Städel von 1990 nach Frankfurt geschickt wurde.

Die Graphische Sammlung im Städel hat den Anlaß genutzt und eine kleine Sonderschau um Klingers prominentestes Werk herum, die Bildererzählung "Der Handschuh", aufgehängt. Hier sehen wir den quasi akzeptierten, den sanktionierten Klinger: den für die Surrealisten, für Kubin, auch für Max Ernst vorbildlich gewordenen Traumzeichner.

Die kleine Bilderfolge hatte Max Klinger mit 21 Jahren schnell berühmt gemacht. "Der Handschuh", die Geschichte einer herbeigewünschten Liebe, beginnt auf der Rollschuhbahn. Eine junge Dame verliert einen Handschuh. Ein junger Mann, Max Klinger, hebt ihn auf, nimmt ihn mit nach Hause. Nachts beginnt er zu träumen: Auf stürmischer See angelt er sich, diesmal mit einem Spazierstock aus einem Boot heraus, den Handschuh. Der wird zur Person. Von Seepferden im Triumph auf einem Muschelwagen gezogen erscheint er im nächsten Bild, ruht über einem Meer von Rosen auf einem Altar, wird von Schreckensvorstellungen gepeinigt, von einem gespenstischen Reptil belauert, schließlich gestohlen, in der Nacht davongetragen. Der Handschuh ist Fetisch, Verkörperung der Geliebten, Symbol der Liebe. Drei Jahre nach den Zeichnungen folgt die radierte Fassung, ein Werk, das Klinger als bedeutenden Radierer des 19. Jahrhunderts ausweist.