Ein berühmter Mann, der Oliver Sacks. Man kennt seine Bücher („Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“), man kennt auch den Film „Awakenings“, in dem der Neurologe von Robin Williams gespielt wird. Der berühmte Mann hatte es fertiggebracht, die New Yorker Presse und das Fernsehen an einem eiskalten Februartag in die Lobby des Empire State Buildings zu locken. Da steht er nun, bärtig und schwergewichtig, hinter einem hastig aufgebauten Rednerpult und lächelt in die Kameras der Fernsehleute, die sich, wie immer, überall vordrängen und allen anderen den Blick verstellen – schließlich tun sie’s ja für Millionen andere.

Oliver Sacks lächelt mediengewohnt und zeigt mit dem Finger auf einen jungen Schwarzen mit großem Hut neben sich, der von einem Fuß auf den anderen tritt. Diesen Stephen Wiltshire vorzustellen, sei er hergekommen, sagt Oliver Sacks, denn er sei etwas ganz Besonderes: ein autistischer Mensch und ein Künstler.

Sacks hat Stephen 1988 kennengelernt und war gleich fasziniert von seinem zeichnerischen Talent. Eine gemeinsame Reise nach Rußland 1990 vertiefte die Freundschaft der beiden. Die Federzeichnungen Wiltshires sind in der Tat bemerkenswert, zumal Wiltshire die architektonischen Besonderheiten verschiedener europäischer Städte nicht nur aus der direkten Anschauung, sondern aus dem Gedächtnis zeichnen kann. Gerade sind die besten von Wiltshires Zeichnungen unter dem Titel „Floating Cities“, mit einem Vorwort von Oliver Sacks, im Verlag Summit Books veröffentlicht worden ($ 25).

Weil dies ein Medienereignis ist, erhält Stephen Wiltshire einen leichten Puff in die Seite und muß nun auch etwas sagen. Aus den paar Bröckchen, die er, souffliert von einer strengen Dame in Schwarz, hervorbringt, geht hervor, daß er New York toll findet und daß wir alle das Buch kaufen sollen. Dann geht er zu dem Medium über, das er so blendend beherrscht: Er zieht eine Feder und einen Block aus der Tasche und beginnt, das Empire State Building zu skizzieren. Oliver Sacks strahlt. Das Presserudel strahlt. Die Kameras surren. Auch die Dame in Schwarz lächelt leise. „Er ist gleich fertig“, beruhigt sie die Fernsehleute, die nach ein paar Minuten Stricheins bereits spürbar rastlos werden – zeichnen ist nicht telegen. Dabei geht es auf Stephens Zeichenblock rasant zu: Die Feder hüpft über das Papier, der Junge arbeitet aus der Erinnerung, auf dem Papier nimmt schnell die berühmte Silhouette Gestalt an, Linie für Linie, nichts läßt er aus, schon ist er oben bei der hohen Nadelantenne angekommen. Fertig. „Hold it up“! verlangen die Kameramänner. Da stehen sie, der Doktor und sein künstlerischer Protegé, mit der schönen Zeichnung im grellen Scheinwerferlicht. Und wieder ist ein Bestseller geboren. In England ist Wiltshires Buch schon ganz oben.

Vera Graaf