Tschernobyl hat in drastischer Weise gezeigt, welch verheerende Folgen eine Unterschätzung der radioaktiven Gefahr nach sich ziehen kann. Selbst heute, fast sechs Jahre nach dem Desaster, besteht noch der begründete Verdacht, daß die Belastung der Bevölkerung in bestimmten Gegenden um den Reaktor deutlich zu niedrig eingestuft wurde. Wenn sich die epidemieartige Ausbreitung von Schilddrüsenkrebs bei Kindern in Weißrußland mit der derzeit beobachteten Geschwindigkeit weiter fortsetzen sollte, dann ist in den nächsten Jahren eine dramatische Entwicklung bei den Erwachsenen zu erwarten – denn die meisten Krebserkrankungen stehen erst bevor. Die Menschen in Weißrußland und in der Ukraine bedürfen dringend qualifizierter medizinischer Hilfe.

Während im Osten Menschenleben auf dem Spiel stehen, leisten wir uns im Westen ebenso aufwendige wie fragwürdige Untersuchungen, ob nicht wider Erwarten Kernkraftwerke im Normalbetrieb doch ein statistisch belegbares Restrisiko darstellen könnten. Dutzendfach wurden solche Projekte bereits durchexerziert, und sie endeten jeweils wie das Hornberger Schießen. Spätestens seit der Affäre um die "Entsorgung" radioaktiven Molkepulvers wissen wir, daß auch übertriebene Strahlenängste zu massiven Fehlinvestitionen führen können. Zuwenig Angst kann tödlich, zuviel Angst lähmend sein.

Statt in einem unfruchtbaren politischen Gerangel zwischen Kernenergiegegnern und -befürwortern unsere Handlungsfähigkeit einzuschränken, sollten wir dort helfen, wo tatsächlich Not herrscht. Um den Leukämieursachen in Sittensen und in der Elbmarsch nachzuspüren, beschäftigen zwei Untersuchungskommissionen hervorragende Epidemiologen, Strahlenmediziner und erstklassige Labors und lasten sie auf Jahre hin aus mit Arbeiten, die aller Voraussicht nach kaum neue Erkenntnisse bringen werden. Nur die Politiker werden sagen können: "Wir haben doch unser Möglichstes getan!" Die entsprechenden Mittel und Kapazitäten könnten im Osten hingegen nicht nur wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern vor allem auch echte Hilfe für die Menschen bringen. Wir löschen mit unserer hervorragenden Wehr Strohfeuer, während beim Nachbarn schon seit langem Feuer unterm Dach ist.

Hans Schuh