Von Ulrich Stock

Ein Pessimist namens Felix Auerbach schrieb 1911, Grammophone gehörten "in das Kapitel der Verirrungen des Kunstbetriebs, indem sie Zerrbilder gerade von den besten Originalen entwerfen, und so den Geschmack breiter Massen, statt zu heben, hoffnungslos verdeiben". Auerbach ahnte nicht, daß die technisch perfekte Wiedergabe über die Verzerrung einmal triumphieren sollte. Haben aber Hifi und High End den Geschmack breiter Massen gehoben? Die Erfolge von Heino und Tekkno sprechen dagegen.

Wer auf seine Ohren hält, ist heute auf konservierte Musik angewiesen, weil Radio und Fernsehen sich fast allein dem Mainstream verpflichten und Konzerte, jedenfalls auf dem Lande, rar sind. Wessen Wünsche aber über Béla Bartók und Conlon Nancarrow, über John Cage und John Cale, über Laune Anderson und Fred Frith hinausgehen, der wird auch eine überdurchschnittliche Musikalienhandlung mit leeren Händen verlassen. Diese Lücke, die es, kaum zu glauben, auf der ganzen Welt gibt, schließt exemplarisch die Berliner Galerie "gelbe MUSIK"

Als Ursula Block, Ehefrau des Beuys-Galeristen René Block, ihr wenig einträgliches Spezialgeschäft vor nun zehn Jahren eröffnete, war sie selbst neu im Reich der Töne. Heute kommen Musikstudenten und -professoren, Fachjournalisten und Musiker und natürlich Enthusiasten zu ihr, um sich Rat zu holen: Eine bündige Auswahl von Minimal Music? Das Wichtigsie der zeitgenössischen Vokalkunst? Einen Moment!

Wer sich, nur zum Beispiel, an den Amerikaner Harry Partch (1901-1976) herantaster. will, der die 43-Ton-Musik erfand und für sie Instrumente baute wie das Chromelodeon, das Boo, die Marimba eroica, den Kürbisbaum, dem zeigt Frau Block in zwei Richtungen: "Da stehen die Platten, hier sind seine Schriften."

Die Galerie besteht nur aus einem kleinen, weißen Raum. Die Wände und das Schaufenster sind stets einer Ausstellung gewidmet. Jetzt gerade ist die Partitur von "Dream House" zu sehen, dunkelgrau auf schwarzglänzendem Photopapier. Sie stammt von La Monte Young, einem Urvater des Minimalen, der bevorzugt mit stehenden Klängen, am liebsten Sinustönen, Räume beschallt, wie derzeit die "Ruine der Künste" in Dahlem.

Der Name der Galerie geht zurück auf Vassily Kandinsky, der dem Gelb aggressive Kraft zuschrieb: "Es beunruhigt den Menschen, sticht", es klinge, richtig zur Geltung gebracht, "wie eine immer lauter geblasene scharfe Trompete oder ein in die Höhe gebrachter Fanfarenton".