Photographen und Boxer: ein gutes Auge, das Gespür für die entscheidende Zehntelsekunde und den Rhythmus des Gegenüber, viel Geduld. Die Französin Martine Barrat, die seit mehr als zwanzig Jahren in New York lebt und durch ihre Videodokumentationen über street gangs bekannt wurde, begann 1972 damit, junge Boxer in Harlem, Brooklyn und der Bronx zu photographieren. Karg und schmucklos präsentieren sich ihre Bilder in dem Photoband „Die Boxer“ (aus dem Amerikanischen von Teja Schwaner; Rowohlt Verlag, Reinbek 1991; 144 S., Abb., 68 – DM): direkte Blicke ins Objektiv, kleine Posen und Momente der Unwillkürlichkeit. Dort wo sie photographierte, unter den Schwarzen und Latinos, ist der alte Traum vom Aufstieg durch die eigenen Fäuste längst verblaßt. Es geht um kleine Triumphe, die Kinder wie Champions posieren und Jugendliche sich wie Kinder freuen läßt. „Tu was oder stirb. Wir tun was und sterben nicht“, steht auf einem Schild im Brooklyner „Bed-Stuy Gym“. Nähe, Zuneigung und die Fähigkeit, sich immer wieder überraschen zu lassen – all diese Eigenschaften sind in Martine Barrats Photos wunderbar ausbalanciert. So bleibt bei dieser behutsamen Anthropologin der Großstadt stets „eine Art Nabelschnur“ sichtbar, die, wie Roland Barthes sagen würde, „den Körper des photographierten Gegenstandes mit meinem Blick verbindet“.

Peter Körte.