Einen Schlüsselroman nennt man das wohl. Allerdings: daß Walter Staudinger, millionenschwerer Herrscher über Spielhallen und Peep-Shows in München, dem das Buch gewidmet und die Hauptfigur nachempfunden ist, für diesen Roman eine sechsstellige Summe ausgespuckt haben soll, das wurde von Wolf Wondratschek flugs dementiert (siehe unser Interview auf Seite 61). Es wäre auch keine sehr lohnende Investition gewesen. Das Buch ist Murks. Selbst als Heldenlegende eines „von der Straße“ taugt es kaum.

Eine Auftragsarbeit also nicht. Was aber dann? Immerhin ist der Verfasser dieser Schmonzette ja nicht irgendwer, sondern unter den deutschen Lyrikern einer der begabtesten (und erfolgreichsten). Und ein redegewandter Kerl dazu. Anscheinend ist weder das eine noch das andere eine Garantie dafür, daß man auch gut erzählen kann.

Zweifel daran hat der frischgebackene Romancier selbst einmal gehabt, damals Ende der sechziger Jahre, als man solche Zweifel noch gut in eine literarische Haltung umdeuten konnte. „Nur die Sätze zählen. Die Geschichten machen keinen Spaß mehr.“ So stilisierte sich Wondratschek 1969 unter Beifall der Kritik zu einem Anti-Erzähler – in seinem Erstling, dessen Titel einmal jeder Literaturkritiker auswendig wußte: „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“. Später schrieb er Gedichte, die nicht über den Buchhandel, sondern über den Versand 2001 vertrieben wurden – was den Erfolg beim Publikum begünstigte, aber nicht erklärte. Vielleicht war der Grund ganz einfach: Es sind wirklich gute Verse dabei, bis zur Schmerzgrenze sentimental und salopp.

Im Jahr 1977 holte Wondratschek zum Rundumschlag aus: In der Zeitschrift Lui warf er den deutschen Schriftstellern vor, sie seien nicht in der Lage, eine spannende Geschichte zu erzählen: „Ihnen gerät jede Story zu schön, zu stilisiert, zu handlungsarm. Kurz, zu langweilig. Es hört sich alles an wie gedruckt.“ Ihre Literatur habe eine Abscheu vor einfachen Dingen, „überhaupt vor der Trivialität, dem Ordinären und Offenen“.

Schön und gut. Doch was Wolf Wondratschek nun, fünfzehn Jahre später, als ersten Roman – knapp fünfhundert Seiten stark – auf den Tisch knallt, kann nicht im Ernst seine Antwort sein. Das hört sich nicht an wie gedruckt. Und auch nicht wie erzählt. Das ist nur noch geredet. Ein schrecklicher Irrtum: daß man dort der Trivialität auf die Spur käme, wo sich das Leben ordinär und trivial gibt. Die Dialoge sind das Beste an diesem Buch, das sonst von allen Raffinessen der Romankunst völlig frei ist.

„Einer von der Straße“: Johnny, wie er im Buch heißt, ist eine traurige Figur. Nicht weil er als Chef einer Halbstarkenbande in den fünfziger Jahren die Überreaktion der Münchner Justiz zu spüren bekommt, ins Gefängnis wandert und als Krimineller eine Karriere startet, die ihn über die Bars und Bordelle an der Reeperbahn schließlich zu einem der reichsten Geschäftsleute seiner Heimatstadt werden läßt, nicht weil er ein übler Bursche ist, der sich am Ende mit Behörden, Anwälten und anhänglichen Frauen herumschlagen muß, sondern weil sein Chronist ihn uns als Maschine verkaufen will, die im richtigen Moment richtig auszuteilen versteht, auch schon einmal dem Gegenüber das Gesicht „vom rechten Mundwinkel bis zum Ohr“ aufschlitzt und gelernt hat, keine Gefühle zu zeigen. So wenig Innenleben wie in diesem Roman kann auch ein Johnny nicht haben.

Das Buch ist eine Chronik wie zum Firmenjubiläum. Die wilden Jahre des Chefs. Die Aufbaujahre. Glanz und Elend des Erfolgs. Passend dazu das Schiller-Zitat, das Wondratschek tatsächlich einem Kapitel voranstellt: „Was du thust, was dir gefällt, ist Gesetz.“ Walter Staudinger hat sein Jubiläum gerade gefeiert: Er ist fünfzig geworden. Wolf Wondratschek wird es im nächsten Jahr. Für wen dieses Buch ein Geschenk sein soll, ist nicht auszumachen. Klar ist nur: für den Leser nicht.