Auf den Antilleninseln Martinique und Guadeloupe

Von Monika Putschögl

Viele Jahre später, als der wundersame Lauf ihres Lebens sich seinem Ende neigte, als ihre Anmut hinter immer dicker werdenden Schminkeschichten langsam zu verblühen drohte, da holte sie sich die Erinnerungen an die fernen Inseln ihrer Kindheit in den Park ihres Schlosses Malmaison. Josephine ließ jene üppig strotzenden, tropische Pracht entfaltenden Gewächse anpflanzen, die damals zu ihrem Alltag gehört hatten, als sie fernab der großen Politik auf der Plantage nahe Trois-Îlets aufwuchs, 7000 Kilometer entfernt vom Königreich Frankreich auf der Antilleninsel Martinique.

Das unscheinbare Kreolenmädchen – Kreolen heißen noch heute die auf den Inseln geborenen Nachfahren der ersten weißen Kolonisten – aus einer nicht eben begüterten Pflanzerfamilie, Marie-Joseph-Rose Tascher de la Pagerie, war im Wirrwarr des vor- und nachrevolutionären Frankreichs zur umschwärmten und umbuhlten Vicomtesse Marie-Rose de Beauharnais aufgestiegen und schließlich, wie ihr einst eine Negersklavin prophezeit hatte, in Paris von Napoleon zur Kaiserin gekrönt worden.

Daß Josephine die Blütenpracht ihrer Heimat nicht vergessen konnte, wird jeder verstehen, der die Insel betritt. Ihr Name schon verheißt Programm: Martinique leitet sich ab vom alten Namen Madinina, Blumeninsel. All ihre karibische Üppigkeit hat die Natur hier ausgebreitet. Sie läßt schlanke Palmen in den Himmel wachsen, Bougainvilleen unkrautüppig wuchern und die Blüten des Hibiskus rosa und weiß durchs Grün strahlen. Christsterne, geballt zu gewaltigen Buschen, leuchten in glühendem Rot, dazwischen schimmern zart zerbrechlich wirkende Blumen, die man Porzellanrosen nennt; meterweit faltet der arbre de voyageur seinen Fächer aus, der Baum des Reisenden, an dessen Stamm sich das Wasser sammelt. Selbst dort, wo die Häuser Armut ahnen lassen, mildert sattes Grün jeden Anschein von Schäbigkeit. In den Höhen hüllt sich die Insel in immergrünen tropischen Regenwald.

Die Natur hat im Übermaß geschenkt, und doch ist aus der Insel nie ein Paradies geworden. Denn die Natur zerstört selbst immer wieder, was sie so verschwenderisch geschaffen hat. Vulkane und Zyklone erheben sich als immerwährende Bedrohung über der Insel.

Sonntag, der 8. Mai 1902, acht Uhr morgens. In der Kathedrale von Saint-Pierre knien die Gläubigen vor dem Altar, um die heilige Kommunion zu empfangen. Sekunden später sind sie tot. 30 000 Opfer sind zu beklagen, weil der Gipfel des Vulkans Montagne Pelée mit einer Wucht zerbarst, die vierzigmal stärker war als die der Atombombe von Hiroshima und Asche, Feuer und Schwefelgas über die Stadt verbreitete. Schon Tage vorher hatte der Berg gedroht – mit Eruptionen, Schlammlawinen und warnendem Donner. Aber an jenem Sonntag sollten Wahlen sein, und wer wollte schon die Wähler wegschicken? Saint-Pierre, früher einmal das Paris der Antillen genannt, ist heute eine kleine Stadt, die von den Erinnerungen an die Katastrophe profitiert. Längst sind die Häuser neu gebaut, aber an der Straße am Strand sieht man noch die schwarzen Mauerreste, die verkohlten Grundrisse der ausgebrannten Ruinen.