Wirtschaftlich bedeutet die deutsche Vereinigung für die einen höhere Zinsen, die die europäische Wirtschaft ersticken. Für die anderen ist das historische Ereignis ein Segen, weil es Deutschland zur Konjunkturlokomotive Europas machte. Wer hat recht?

Diese Fragen stellte sich das Observatoire Français des Conjonctures Economiques (OFCE), wichtigstes unabhängiges Konjunkturinstitut in Frankreich. Die Ausgangsüberlegung: Wie hätte sich die EG-Wirtschaft entwickelt, wenn die Mauer am 9. November 1989 nicht gefallen wäre?

Das Ergebnis, errechnet mit einem komplizierten Prognosemodell, mag so manchen überraschen: Ohne die Vereinigung wäre Europa heute schlechter dran. Vor allem Frankreich, wichtigster Handelspartner Deutschlands, profitierte von der wiedergewonnenen deutschen Einheit. Ohne Mauerfall würde das Wachstum dort nur 0,4 Prozent betragen. Tatsächlich sind es 1,2 Prozent.

Die Wissenschaftler im OFCE wenden sich daher gegen hartnäckige Vorurteile im eigenen Land: „Wir haben die Neigung, Deutschland zum Sündenbock zu machen, wenn das französische Wachstum nicht hoch ist. 1989 waren es die deutschen Handelsüberschüsse. Heute sind es die hohen deutschen Zinsen.“

Nach Ansicht der Autoren braucht man sich in der Bundesrepublik aber nicht auf die Schulter zu klopfen. Denn der Vereinigungseffekt werde in diesem Jahr insgesamt negativ. Das „Modell Deutschland“ hat, so die Wissenschaftler, diesmal nicht optimal funktioniert: Das Wachstum wäre wohl höher gewesen, wenn Bonn die direkten Steuern weiter angehoben hätte, statt mehr Schulden zu machen. ls