Von Margrit Sprecher

Siebzehn Uhr?" Kurzes Zögern am andern Ende der Leitung. "Gut, dann koche ich das Abendessen vor."

Das ist es, was Journalisten an Rosmarie Buri so mögen. Seelische Abgründe müssen nicht ausgelotet werden, alles liegt offen und übersichtlich da – zur gefälligen Bedienung. Brav wie in der Schule versucht sie, auf die unverschämtesten Interviewfragen sich witzig fühlender Reporter zu antworten: "Was sind Atkins und Hollywood?" Sie weiß es nicht. Diäten natürlich, haha. Ebensoprompt läuft sie in andere Fallen, Fallen, die ihre Dummheit belegen sollen: "Was ist ein Buchmacher?" Verlegenes Lächeln. "Einer, der Bücher bindet?"

Entzückt auch sehen sich die Journalisten in Rosmarie Buris Dachwohnung um. Nein, kein Penthouse, sondern eine wirkliche Dachwohnung, acht Treppen hoch, ohne Lift, mit abgeschrägter Decke und dem heillosen Durcheinander einer Hausfrau, die mit ihrer Korrespondenz kämpft. Verlegen verzieht sich der Ehemann, eben von seiner Arbeit als Gipser zurück, zum Duschen ins Badezimmer. Hin und wieder bitten ihn die Photographen der Boulevardpresse, seine Wange an die Wange seiner Frau zu halten. Dann senkt er während des Knipsens geniert die Augen.

Doch das Happy-End muß auch optisch dokumentiert sein. Schließlich ist Rosmarie Buris Autobiographie "Dumm und dick" aus dem Stoff, aus dem die Märchen – und Trost für Millionen – sind. Eine zweite "Herbstmilch", eine zweite Anna Wimschneider, aber statt im saftig-barocken Bayern in der spröden Wertlosigkeit des protestantisch-ländlichen Bern angesiedelt. Hier ist Pflicht alles und Sinnlichkeit nichts. Hier wird von den Armen erwartet, daß sie ihre Armut verstecken, denn Gott ist bei den Reichen. Und Gefühle, die über das Wohlbefinden bei Essen und Trinken hinausgehen, gelten als Spinnereien.

Allerdings war für solche Gefühle ohnehin nie Zeit im Leben der Autorin, die 1930 geboren wurde. Rosmaries Vater säuft sich früh zu Tode; die Mutter versucht, mit dem Stricken von Militärhandschuhen – 75 Rappen pro Paar – die fünf Kinder über Wasser zu halten. Eine – durchaus alltägliche – Katastrophe jagt die andere. Der Großvater läuft mit ständig erigiertem Glied herum und verfolgt die jungen Mädchen. Die Frau Pfarrer drückt sich mit fadenscheinigen Ausreden um das Bezahlen des Lohnes, von dem die Familie bis Monatsende leben sollte. In der Schule treiben Lehrer und Mitschüler mit Hänseleien – "dumm und dick!" – Rosmarie früh jedes Selbstbewußtsein aus. Zu Hause hagelt es Schläge, wenn die Zwölfjährige nicht schnell genug kocht: "So oft habe ich mir gewünscht, einmal schwer krank zu werden, da müßten sie einmal um mich Angst haben."

Früh erkennt Rosmarie: Niemand ist an ihr selbst, alle sind nur an ihrer Arbeitskraft interessiert. Ihre Stellenbeschreibungen könnten als Gebrauchsanweisungen für Arbeitgeber dienen: "Wie werde ich reich?" Am einen Ort steht sie schon morgens um fünf in der dampfenden Waschküche und klopft und reibt die Wäsche. Erst wenn das Essen im Kühlschrank schimmelt, wird den Angestellten daraus eine Mahlzeit gekocht. Am nächsten Ort kommt es noch schlimmer: Die Magd muß sich mit den Resten vom Teller der Herrschaft zufriedengeben.