Dortmund

Seit im Asta der Universität Essen ein Spezialprogramm zur Verkehrspolitik kursiert, ist Ursus Himmelsbach kaum noch vom Computer zu trennen. Der Rechner spuckt immer neue Statistiken und Zahlenkolonnen aus, die eindrucksvoll belegen, welche Umweltschäden und Kosten die Studenten an den Hochschulen zwischen Rhein und Ruhr verursachen. „Wenn nur die Hälfte der Autofahrer auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigt“, rechnet Himmelsbach vor, „dann verringert sich der jährliche Ausstoß an Stickstoffoxiden um 39 Tonnen, der Kohlenwasserstoffausstoß um 19 Tonnen.“ Der Wunsch des Asta-Verkehrsexperten könnte schon bald Wirklichkeit werden. Denn zum Wintersemester 1992/93 soll im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR), mit einem Streckennetz von 12 000 Kilometern der größte in Europa, ein Semesterticket eingeführt werden: Für 188 000 Studenten steigt der Semesterbeitrag um 84 Mark, im Gegenzug gilt der Studentenausweis als Fahrkarte für Busse und Bahnen. Die Universität Dortmund wird das Studententicket schon zum Sommersemester ab April erproben.

Zwei Darmstädter Elektrotechnikstudenten haben das Urheberrecht für diese simple Idee und entwickelten das Semesterticket als ökologisches Konzept. Inzwischen können alle Darmstädter Studenten fast zum Nulltarif öffentliche Verkehrsmittel nutzen – nur vierzehn Mark kostet das Ticket hier pro Semester. Rasch machte das Beispiel Schule; auch Studentenvertretungen in Essen, Dortmund, Wuppertal, Düsseldorf und Bochum ergriffen die Initiative gegen das tägliche Verkehrschaos an ihren Hochschulen. Dafür wurde es höchste Eisenbahn: In Bochum etwa kreist man auf der Suche nach einer Parklücke vergeblich durch die gigantischen Parkhäuser, überall stehen die Autos kreuz und quer. Von 100 Studenten fahren nur 16 mit öffentlichen Verkehrsmitteln, 67 greifen morgens zum Zündschlüssel. Der Rest kommt zu Fuß oder mit dem Rad.

Es liegt auch an der Wohnungsnot, daß so viele Studenten motorisiert sind: Wer keine Bude in Uni-Nähe findet, pendelt eben aus der Nachbarstadt. Dazu kommen – aus heutiger Sicht – Fehler bei der Hochschulplanung. So wurde die Ruhr-Universität Bochum, eine Lernfabrik in öder Betonarchitektur, Ende der sechziger Jahre auf der grünen Wiese an einem sechsspurigen Zubringer gebaut. Auch andere Hochschulen zwischen Rhein und Ruhr liegen weit außerhalb der Stadt und sind per Auto besser erreichbar als mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Studentenvertretungen halten deshalb ein Semesterticket nur dann für sinnvoll, wenn es gleichzeitig neue Haltestellen gäbe und Busse, Straßen- und S-Bahnen in kürzeren Taktzeiten verkehrten. Mit dieser Forderung rennen sie beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, der mit doppelt so vielen studentischen Fahrgästen nach Einführung des Tickets rechnet, offene Türen ein. „Diesen Ansturm können wir ohnehin nur mit mehr Bussen und Zügen bewältigen“, sagt VRR-Pressesprecher Diethard Blombach.

Doch mit besseren Verkehrsanbindungen allein geben sich die Studentenvertretungen nicht zufrieden – das Semesterticket soll auch billiger werden. „84 Mark pro Semester sind für viele Studenten jenseits der Schmerzgrenze“, meint Ursus Himmelsbach. Jetzt sei das Land am Zuge, „damit Studenten die Zeche für verkehrspolitische Sünden der Vergangenheit nicht alleine zahlen müssen“. Sein Vorschlag: Jeder Student zahlt nur dreißig Mark, ein weiterer Teil wird über neue Parkgebühren erwirtschaftet, der Rest kommt aus der Landeskasse. Michael Gaedtke, Pressesprecher des Verkehrsministeriums, hält das Studententicket dagegen für „spottbillig, zumal es sich auch abends für den Weg ins Kino nutzen läßt“. Ob teuer oder billig – die Dortmunder wollten jedenfalls nicht länger warten. In einer Urabstimmung votierte eine klare Mehrheit der dortigen Studenten für das Ticket, das jetzt ein Semester lang getestet wird. „Selbst bei den GTI-Fahrern regte sich kaum Protest“, sagt Asta-Mitarbeiter Wolfgang Dietrich Mann. Die Landesregierung räumte das letzte Hindernis aus dem Weg und übernahm das Prozeßrisiko für den Fall, daß einzelne Studenten vor den Kadi ziehen. Denn das Semesterticket hat einen Haken: Alle Studenten werden zur Kasse gebeten – auch Fußgänger, Radler und Autofahrer, die außerhalb des VRR-Tarifgebietes wohnen. Jochen Leffers