ZDF, Donnerstag 20. Februar: Liebe auf den ersten Blick; ARD, Freitag, 21. Februar: Herzblatt

Fernsehen als Maschine, die Programm fabriziert, muß, damit sie ihren Ausstoß liefern kann, beschickt werden: mit Ideen, Konzepten, Geschichten, Fundstücken, Tatsachen. Genauso unaufhörlich, wie wir Nutzer in der Stube die Sendefolge wegglotzen, müssen die Macher in den Redaktions- und Studioräumen den Rohstoff herbeischaffen und bearbeiten: müssen sie Ideen prüfen, Konzepte kreieren, Stories kürzen, Filme schneiden. Und was besonders wichtig ist: Sie müssen immer wieder völlig neue Rohstoffvorkommen ausspähen, einzäunen, ausbeuten. Sie müssen neue Sendeformen entwickeln, neue Showideen ausbrüten, neue Stoffe herbeizaubern, neue Gesichter anbieten. Über diese Arbeit am Input, die von Erfindungsreichtum und Trendwitterung pfiffiger Redakteure abhängt, dringt verhältnismäßig wenig in die Öffentlichkeit. Dabei ist sie es, die das Fernsehprogramm am nachhaltigsten prägt.

Seit das unverfrorene Privatfernsehen die Ära des züchtigen Bildschirms über Nacht abgeschaltet hat, fahndet das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das schließlich "mithalten" muß, verzweifelt nach teletauglichem Sinnenkitzel. Nur: Für ihre guten Gebühren sollen die Kunden von ARD und ZDF was Anständiges kriegen, also keine Pornographie, sondern Anmache mit Köpfchen, kein nacktes Fleisch, sondern offene Herzen. Also entwickelte man im ZDF Liebe auf den ersten Blick und im Ersten Herzblatt, Shows, die sich unterstehen, den magischen Moment des ersten Blicks zukünftiger Liebesleute im Fernsehen inszenieren zu wollen.

In beiden Sendungen treffen "Singles" im Fernsehstudio erstmals aufeinander, Paare finden sich per Frage-und-Antwort-Spiel, und die Gewinner werden à deux in ein Wochenende geschickt. In der folgenden Sendung berichten sie dann, ob es "gefunkt" oder "geschnackelt" habe, was erwartungsgemäß selten der Fall ist.

Herzblatt nennt sich "Flirtshow", der Erste Blick ist eine "Sendung zum Kennenlernen". Der Rohstoff also, der hier von TV-Machern aus dem allgemein-menschlichen Urgestein herausgehauen wird, ist die Annäherung von Mann und Weib, die venerische Vibration des erstmaligen Erblickens und Wortewechselns, das, was früher Erotik hieß. Man kann es den öffentlichrechtlichen Sendestrategen zugute halten, daß sie, vom nackten Fernsehballett und vom späten Stöhnfilm in Privatkanälen angeödet, die Erotik da gesucht haben, wo sie viel spannungsreicher wabert als am Bettrand, nämlich im Vorfeld, da, wo man noch nicht weiß, ob man je zum Bettrand kommt. Nur scheitert das kühne öffentlich-rechtliche Erotik-Konzept an zwei treffsicheren Liebestötern: Der erste ist die Beliebigkeit der Kandidatenauswahl, der zweite die Fernsehkamera.

Leider ist Erotik unberechenbar. Man kann einem jungen Single im TV-Studio hundert tollen Bräuten vorstellen, ohne daß es ein einziges Mal "funkt", und dann "schnackelt" es auf dem Rückweg mit der Taxifahrerin. Wir kennen selbst nie alle Reize, auf die wir reagieren, die Erotik ist immer schlauer als wir und erst recht als die TV-Regie; das ist der Grund, daß wir ihr erliegen und daß Rudi Carrell sie nicht ins Studio kriegt. Die stille Aufforderung an seine Singles, sich vor laufender Kamera zu verknallen, zwingt den gegenläufigen Effekt geradezu herbei.

Wie lange wird es dauern, bis das Fernsehen begreift: Der Rohstoff Erotik eignet sich nicht als TV-Input. Denn das Zeug ist lichtscheu. Barbara Sichtermann