Bis zur vergangenen Woche hingen Rudolf Mathias, Geschäftsführer der Mitteldeutschen Fahrradwerke in Sangerhausen, die 240 Beschäftigten im Betrieb und die 260 Angestellten der zum Unternehmen gehörenden Beschäftigungsgesellschaft völlig in der Luft (siehe Dossier vom 8. März 1991, ZEIT Nr. 11). Die Existenz des 1907 gegründeten und 1950 von den Kommunisten verstaatlichten Unternehmens, das in der verblichenen DDR zum größten Fahrradhersteller avancierte, war so unsicher wie vor einem Jahr. Schon damals hoffte Mathias auf einen Unternehmer aus dem Westen, der das Werk von der Treuhand übernehmen, die Sanierung fortsetzen und Arbeitsplätze retten würde – vergebens.

Um den Betrieb und die Jobs – auch die eigenen – zu retten, entschlossen sich im vergangenen Juli Mathias und zwei seiner Kollegen aus der Geschäftsführung, die Mitteldeutschen Fahrradwerke (MDF) selbst zu übernehmen. Ganz wohl ist den drei Managern bei dem Gedanken nicht, daß sie wahrscheinlich zu Eigentümern ihres Arbeitgebers werden. Denn sie haben praktisch kein Eigenkapital, um den Kauf und weitere Investitionen zu finanzieren. Das Management des Fahrradwerks ist also auf die Großzügigkeit der Treuhandanstalt angewiesen.

Und am Mittwoch vergangener Woche kam ein ermutigender Anruf aus der Treuhand-Niederlassung in Halle: Die Anstalt hat entschieden, das Unternehmen zu erhalten. Sie wünscht allerdings, daß ein im Fahrradgeschäft erfahrener westdeutscher Manager in die Geschäftsführung aufgenommen wird und sich möglichst auch finanziell am Unternehmen beteiligt.

Der politische Druck, den der Landrat des Kreises Sangerhausen und der Regierungspräsident ausgeübt haben, hat sich also gelohnt. Die Treuhand hat bei ihrer Entscheidung Rücksicht auf die schwierige wirtschaftliche Lage der Region genommen und keineswegs strikt nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben entschieden.

Denn ein Schmuckstück wird den neuen Manager-Eigentümern nicht in den Schoß gelegt. Die Firma drückt eine Schuldenlast von 41 Millionen Mark, knapp ein Drittel davon sind sogenannte Altkredite, die noch durch die absurden Regeln des alten Systems entstanden sind. Bei einem Umsatz von 26 Millionen Mark mußte das Unternehmen im vergangenen Jahr 3,4 Millionen Mark für Zinsen aufbringen, eine untragbare Bürde. Das für die Produktion benötigte Gas ist neunmal teurer als in den alten Bundesländern. Weil die Lieferanten nicht wissen, ob die MDF überleben, waren sie bisher nur auf kurzfristige Gewinne aus und verlangten für ihre Zulieferungen Preise, die um etwa fünfzehn Prozent höher lagen als bei der etablierten Konkurrenz im Westen, die langfristige Geschäftsbeziehungen bieten kann.

Obendrein hängt dem Unternehmen noch die Beschäftigungsgesellschaft mit 260 Mitarbeitern am Hals. Düsseldorfer Berater hatten dem mit den Feinheiten des arbeitsmarktpolitischen Instrumentariums nicht vertrauten MDF-Management versichert, daß die Beschäftigungsgesellschaft das Unternehmen nichts kosten würde. Die Realität sieht anders aus: Die Bundesanstalt für Arbeit zahlt nicht die Löhne an Feiertagen, kein Urlaubsgeld und auch nicht die Abfindungen, wenn die ABM-Projekte auslaufen – für all das muß MDF geradestehen. Die ersten Abfindungen, im Durchschnitt 5000 Mark pro Beschäftigten, dürften im März fällig werden, wenn ein Teil der Beschäftigungsmaßnahmen endet.

Derweil vergiftet das Nebeneinander von Beschäftigten, die in den geheizten Hallen Fahrräder zusammenschrauben, und von Mitarbeitern der Beschäftigungsgesellschaft ITV, die bei Wind und Wetter auf dem Werkgelände überflüssige Gebäude abreißen, das Arbeitsklima. All jene, die ihren Job in Verwaltung oder Produktion räumen mußten und bei der ITV Unterschlupf fanden, fühlen sich abgeschoben und neiden den Kollegen in den Werkhallen ihre reguläre und vermeintlich sichere Beschäftigung, während sie damit rechnen müssen, im März oder Juni endgültig arbeitslos zu werden.