Im Libanon keimt nach einer kurzen Zeit der Hoffnung erneut die Angst

Von Fredy Gsteiger

Beirut, im Februar

Der Mann ist konzentriert. Ruhig liegt die Waffe in seiner Hand. Nun drückt er ab. Getroffen. – Diese Bilder vom Biathlon-Wettbewerb bei den Olympischen Spielen von Albertville flimmern auf dem Fernsehschirm im Büro von Rafic Chélala, dem Chef der libanesischen Nachrichtenagentur. Sein Radio spielt gleichzeitig Marschmusik, immer wieder unterbrochen von einer nervösen Reporterstimme aus dem Süden des Landes, wo aufs neue Krieg herrscht. Von draußen, von der Rue Hamra, dringt lautes Knallen in den Raum: Warnschüsse von nervösen Soldaten? Scharmützel gar? Oder bloß Fehlzündungen von Automotoren?

In Beirut geht seit dem israelischen Attentat auf den Hisbollah-Führer Mussawi die Angst um. Werden die Israelis wieder in unser Land einfallen? Stehen sie bald erneut in der Rue Hamra? fragen viele Beiruter bange. Die Furcht der Menschen ist groß. Zwölf Monate nach dem Ende des sechzehn Jahre dauernden Bürgerkrieges sind die Hoffnungen, der Zedernstaat werde bald wieder die "Schweiz des Orients" sein, erst einmal zerronnen. Die Kalaschnikows bleiben stärker als die Argumente. "Wir sind nicht mehr im Krieg, aber noch nicht im Frieden", meint Drusenführer Walid Dschumblatt.

Das Théâtre de la Sagesse lädt zur Premiere: Characalla, die weit über die Grenzen bekannte Ballettgruppe, lockt mit dem "Traum einer Nacht im Orient". Tout Beyrouth will dabeisein; die Karten sind für Wochen ausverkauft. Ein Feuerwerk aus Tanz, Musik und Licht wird geboten. Nachdem der Vorhang gefallen ist, treten die Theaterbesucher aus dem Märchen in die rauhe Wirklichkeit ihres geschundenen Landes. Die mit Regenwasser gefüllten Schlaglöcher in der Straße sind so tief, daß kleine Kinder darin ertrinken könnten. Trümmerhäuser ragen in den Nachthimmel. Fette Ratten hausen in ihnen, aber auch bettelarme Flüchtlinge im eigenen Land. Oft lassen nur die Wäscheleinen erkennen, daß Menschen in diesen Ruinen ohne Licht, Wasser, Heizung und Fenster leben. Der Gestank ist abscheulich. Trotz Mahnungen der Behörden, Müllsäcke zu verwenden, hat sich die Unsitte aus dem Krieg gehalten, Abfälle einfach aus den Wohnungs- oder Autofenstern zu "entsorgen".

Dazwischen blinken die Leuchtreklamen eines neuen Benetton-Ladens. Die Edelboutique Bananas hat eröffnet. Im Xanadu-Nachtklub herrscht Hochbetrieb. Fluchten in diese Oasen eines verschwundenen Beirut sind möglich, aber sie währen kurz. "Beirut hat seine Seele verloren", klagen die Einheimischen: "Kein Wunder, es ist nur noch ein Skelett." Zwar besuchten im vergangenen Sommer über 100 000 Exil-Libanesen ihre Heimat. Sie tummelten sich am Schwimmbecken des Yachtklubs – mit Blick auf die Ruinen des Saint – Georges-Hotels –, bescherten den wenigen noch funktionierenden Herbergen des einstigen Urlaubsparadieses einen kurzen Boom. "Die Zugvögel sind zurück", jubelte die Lokalpresse. Doch so schnell, wie sie gekommen waren, zogen sie wieder ab. Beirut, die einstige Levante-Metropole, wurde wieder Provinz. Die Ausländer glauben noch nicht an eine Beruhigung der Lage.