Von Jutta Braband

BERLIN. – Im September letzten Jahres habe ich zu meiner IM-Tätigkeit von 1971 bis 1975 und meinen Beweggründen, diese Tätigkeit abzubrechen, öffentlich Stellung bezogen. Zu den näheren Umständen und Inhalten meiner Zusammenarbeit mit der Stasi mußte ich vieles offenlassen. Nur noch lückenhaft konnte ich mich an die Inhalte der vor fünfzehn bis zwanzig Jahren stattgefundenen Treffen erinnern. Weder eine Verpflichtungserklärung noch der Erhalt von Zahlungen seitens der Stasi waren mir erinnerlich.

Nun liegt das Überprüfungsergebnis der Gauck-Behörde vor. So fragmentarisch die von der Behörde ausgewählten Akten auch sind, offenbaren sie doch viel mehr, als daß sie nur Erinnerungslücken schließen: Obwohl die Unterlagen Gerüchte über die Dauer meiner Tätigkeit und den Verrat von Freunden aus gemeinsamer Oppositionszeit dementieren, gibt es ein riesiges Erschrecken bei mir darüber, wie die Stasi sich damals meiner bedienen konnte und welche Erwartungen sie mit meiner Tätigkeit verband. So weiß ich nun, daß ich eine Verpflichtungserklärung unterschrieben und einen Decknamen bekommen hatte und daß ich im Verlauf von vier Jahren mindestens 1400 Mark erhielt. Ich war bereit, Informationen über einen Mann zu liefern, der später als „Westspion“ verhaftet und verurteilt wurde, und habe berichtet von den Plänen zweier später inhaftierter Freunde, sich in den Westen schleusen zu lassen.

Auch wenn die wenigen mir zugänglich gemachten Unterlagen keine Auskunft darüber geben, ob die von mir gelieferten Informationen bei den Verfahren eine Rolle gespielt haben, sitzt der Schock tief. Denn die Stasi war, wie einer Beurteilung meines Führungsoffiziers zu entnehmen ist, äußerst zufrieden mit mir.

Ich versuche nun im Gespräch mit den betroffenen Menschen zu erfahren, wie das damals alles lief, in welchem Maß mein freiwilliges Denunziantentum, Dummheit, Naivität und Instrumentalisierung durch die Stasi diesen Menschen so großen Schaden zugefügt hat oder haben könnte. Bisher bemühe ich mich bei der Gauck-Behörde vergeblich um Einsicht in meine IM-Akte und in die mich betreffenden später angelegten OV/OPK-Akten (Opferakten, d.R.).

Ich war mir über Konsequenzen, die für Dritte aus meiner Zusammenarbeit mit der Stasi erwuchsen, lange nicht bewußt. Heute weiß ich, daß die Bewußtwerdung der wesentliche Anlaß war, damals diese Zusammenarbeit aufzukündigen. Ich muß, vor allem vor mir selbst, Rechenschaft darüber ablegen, wie es zu diesem Verdrängungsprozeß gekommen ist, warum ich vor über sechzehn Jahren zwar mein Leben zu ändern imstande war, die Konsequenz besaß, mit der Stasi zu brechen und in der Opposition zu arbeiten, nicht aber imstande war, über diese zurückliegende Stasi-Zusammenarbeit zu sprechen und die, denen ich geschadet habe, über mich aufzuklären.

Meine eigene Verfolgung durch die Stasi entschuldigen weder die Taten von damals noch mein langes Schweigen. Das gehört nun zu meiner Biographie. Ebenso wie meine eigene Stasi-Knastzeit. In meinem Leben gab es Fehler, aus denen ich noch zu lernen habe, und Fehler, von denen ich nichts mehr wissen wollte. Mit meiner Biographie und ihren Widersprüchen werde ich mich aber dem Angebot widersetzen, sie in ein „Davor-Danach“, ein „Böse-Gut“ einzuteilen, sondern den Versuch machen, die ihr innewohnende Entwicklung zu begreifen. Unter denen, die wie ich immer eine andere DDR wollten, gab es einige, die wie ich auf dem Weg zur Einsicht gelangten, daß dies nicht mit den Herrschenden, sondern nur gegen sie möglich sein kann.

Daß die bürgerlichen Parteien mitsamt ihren absorbierten Blockparteigängern die Behandlung von Fragen der DDR-Geschichte in Siegermentalität nur als Abrechnung und als Feldzug zur Identitätsvernichtung anlegen, war voraussehbar. Ihre Generalabrechnung mit allen politischen Konkurrenten (namentlich der SPD und ihrer früheren Ostpolitik) erscheint zusammen mit der Rechtfertigung des eigenen „kalten Kriegsdenkens“ nur dann als glaubwürdig, wenn die Umstände eigener Kooperation mit den Ländern des Ostens unter der Decke bleiben und die Blockflöten als Widerstandskämpfer durchgehen. Ihr bestes Mittel, angemeldete Zweifel an dieser Heuchelei vom Tisch zu bekommen, ist immer noch die geschichtslose Pauschalverdammung all jener, die jemals etwas anderes wollten als die BRD in ihrem heutigen Zustand.

Was das Bundestagsmandat betrifft, so wird häufig die Position vertreten, daß alle Leute, die früher einmal mit der Stasi zusammengearbeitet haben, vorerst aus der Politik zu verschwinden hätten. Warum eigentlich? Kommt es nicht viel mehr darauf an, wie alle Menschen, die in der DDR gelebt haben, mit ihrer ganzen Biographie umgehen? Welche politischen Positionen sie in Bezug auf Vergangenheitsaufarbeitung und Geheimdienste entwickelt haben? Zu meinen, eine solche Auseinandersetzung außerhalb politischer Räume oder nach deren „Säuberung“ führen zu können, begünstigt in Wahrheit jene, die diese Auseinandersetzung gerade nicht wollen oder jene Räume für eigene Abrechnungen oder Verschleierungen zu okkupieren suchen. Weil ich selbst viel zu spät kapiert haben, daß es dazu notwendig ist, meine eigene Biographie öffentlich zu machen, trage ich auch Mitschuld daran, daß für diese Aufarbeitung kaum noch Akzeptanz besteht.

Ich sehe für mich keine Chance mehr, weder innerhalb der Bundestagsgruppe der PDS noch im Sinne eines Rückhalts in Teilen der Bürgerbewegungen, mit meinem Mandat zu diesem bitter nötigen Durchbruch bei den zu führenden Auseinandersetzungen beizutragen.

In dieser Situation erweist sich das Mandat für die Aufarbeitung sogar zunehmend als hinderlich. Um frei von dem Vorwurf der politischen und materiellen Vorteilsnahme weiterhin handeln zu können, werde ich mein Mandat niederlegen.

  • Jutta Braband ist Mitglied der PDS-Bundestagsfraktion.