Von Ulrich Greiner

Das Feuilleton ist in Verruf geraten. Nicht ein bestimmtes Feuilleton einer bestimmten Zeitung, sondern "das" Feuilleton schlechthin. Dieser Tage schrieb Heiner Müller, der Präsident der Ostberliner Akademie der Künste, für die FAZ einen Beitrag, in dem er die Akademiepolitik seines Westberliner Kollegen Walter Jens verteidigte. Er schrieb, die Noblesse von Walter Jens qualifiziere ihn zum Prügelknaben "des deutschen Feuilletons". Welches er meinte, sagte Müller nicht. Kurz zuvor hatte Christoph Hein, anläßlich einer Rede in Dresden, "das deutsche Feuilleton" in kritischer Absicht erwähnt. Auch Hein ersparte sich einen genaueren Hinweis. Wolf Wondratschek gab kürzlich die Einschätzung zum besten (siehe das Interview auf Seite 61), die bürgerliche Welt "des Feuilletons" sei feige und abgesichert, hier werde niemand zur Verantwortung gezogen. Das erinnert an die Bemerkung, die Reinald Goetz vor einiger Zeit im Spiegel machte, als er von der "Arschlochwelt" des Feuilletons sprach und damit einer offenbar verbreiteten Stimmung den bislang abfälligsten Ausdruck verlieh.

Stimmt was nicht? Wer ist "das Feuilleton", was hat "das Feuilleton" verbrochen, und welche Mafia steckt dahinter? Handelt es sich vielleicht, analog der Stasi, um eine Kusi? Wir wissen es nicht, aber es interessiert uns. Bislang war "Feuilleton" bloß der Titel jener Zeitungsressorts, die kulturelle Dinge zum Gegenstand haben. Er war den Titeln anderer klassischer Ressorts wie "Politik" und "Wirtschaft" gleichgeordnet. Neuerdings jedoch macht sich ein Sprachgebrauch breit, der den Begriff in verächtlicher Absicht verwendet. "Das Feuilleton" ist demnach eine festgefügte Institution, die den wahren Künstlern und Intellektuellen als kulturelle Gegenmacht feindlich ins Gesichtsfeld tritt. Aber wer, aber wo?

Die Christa-Wolf-Debatte machte die neue Denkfigur zum erstenmal sichtbar. Günter Grass sagte damals, "die Feuilletons" seien zu "Hinrichtungsstätten" verkommen. Er bezog sich darauf, daß in der ZEIT und in der FAZ Verrisse von Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" erschienen waren. In dem folgenden Literaturstreit tauchte der pauschalisierende Singular "das Feuilleton" immer häufiger auf. Ivan Nagel ergoß seinen Hohn über "das feinere Feuilleton". Ganz ähnlich, mal zornig, mal ironisch, äußerten sich Adolf Muschg, Jürgen Habermas, Wolf Biermann und kürzlich wieder Günter Gaus. Diese Autoren waren im Literaturstreit keineswegs derselben Meinung. Aber alle empfinden sie offenbar "das Feuilleton" als eine höchst verdächtige Institution.

Die Kritik am Feuilleton ist mindestens so alt wie das Feuilleton. Aber die Redeweise ist neu. Sie erinnert an jene der sechziger Jahre, als das linke Einverständnis vom "Establishment" und von "den Herrschenden" sprach. Es handelte sich um politisch-polemische Begriffe zur Vermeidung von Genauigkeit. Damals immerhin war die Kritik am Feuilleton etwas präziser. Die Zeitschrift Kursbuch ritt Attacken gegen die "bürgerliche Literatur" und gegen die "bürgerliche Kritik". 1968 gab Peter Hamm in der "Reihe Hanser" ein oft zitiertes und folgenreiches Bändchen heraus: "Kritik/von wem/für wen/wie". Der Hauptfeind, der darin ausfindig gemacht wurde, war der "Großkritiker". Heute wird man sagen müssen, daß dieser Streit nur ein Nebenschauplatz jenes Generationskonfliktes war, der die Studentenbewegung antrieb. Es waren vor allem die jüngeren Autoren und die jüngeren Kritiker, die in diesem Gesamtmanifest ihren Anteil an der institutionalisierten intellektuellen Macht einforderten. Den sie dann ja auch, naturgemäß, gekriegt haben.

Es ging also damals um eine Kritik der Kritik (und also des Feuilletons), die nicht die Beseitigung der Kritik wollte, sondern die richtige Kritik. Die zu leisten, machten sich die Kritiker der Kritik anheischig. In diesem Konflikt waren Kritik und Kunst nicht voneinander getrennt. Die Trennungslinie verlief zwischen "progressiven" Kritikern und Künstlern und solchen, die zum Establishment gerechnet wurden. In dieser Phase intellektueller Politisierung entstand der sogenannte Springer-Boykott. Er richtete sich in der Hauptsache gegen ein ganz bestimmtes Feuilleton, gegen den Kulturteil der Welt. Die wichtigsten Schriftsteller und Intellektuellen befolgten den Boykott-Aufruf. Die Maßnahme war insofern wirkungsvoll, als sich das Blatt bis heute nicht wirklich davon erholt hat.

Von einem Boykott ist gegenwärtig natürlich nicht die Rede. Bei der Anti-Feuilleton-Stimmung handelt es sich um einen diffusen Mißmut, nicht um ein politisches Kalkül. Auffällig ist ja, daß alle die genannten Autoren bei Gelegenheit gerne ihren Auftritt in einem der Feuilletons haben. Aber irgend etwas paßt ihnen nicht. Sammelt man die verstreuten Beschwerden, so stellt sich heraus, daß "das Feuilleton" einerseits eine onkelhafte Harmlosigkeit zeigt, andererseits als kulturelle Großmacht Hexenjagden nach Art des McCarthy veranstaltet; daß es einerseits eine postmodern zynische Beliebigkeit pflegt, andererseits die Ideologie der neuen Sieger vorformuliert; daß es einerseits einer leserabgewandten Esoterik huldigt, andererseits seine Fahne populistisch nach dem politischen Wind hängt.