Von Isolde von Mersi

Kann der Glaube Berge versetzen? Es scheint, als hätten die Bewohner des Ultentals es durch die Jahrhunderte mit allen nur erdenklichen Zeichen der Frömmigkeit probiert. Beim Brotbacken formen die Bäckerinnen außer Laiben auch einen „Gott“, eine Figur aus den Teigresten. In kaum einer anderen Gegend Südtirols gibt es so viele Kapellen und Kirchlein, Bildstöckeln, Kruzifixe und Gnadenbilder. Und alle Dörfer sind nach Heiligen benannt: St. Pankraz, St. Walburg, St. Nikolaus und St. Gertraud.

Hochwart und Hasenohr, Zufrittspitze, Eggenspitze, wie die Ultner Berge heißen, sie alle sind deshalb keinen Millimeter beiseite gerückt. Nur die Teufel und Geister, die einst der Sage nach in großer Zahl ihr Unwesen trieben, die sind jetzt wahrscheinlich nicht mehr da.

Aberglauben beiseite. Es leuchtet durchaus ein, daß die Bewohner dieses Hochgebirgstals einen besonders dicken Draht zum Himmel brauchen. Die Gaulschlucht mit ihren wilden Felswänden schottet die Talmündung vom Meraner Becken ab. Den Talschluß verriegeln die Eisriesen der Ortlergruppe. Links und rechts zum Falschauer Bach fallen zum Schwindeln steile Wald- und Wiesenhänge ab. An ihnen kleben paarweise oder zu winzigen Weilern zusammengeduckt uralte Bauernhöfe. Wer dort oben zu Hause ist, lebt so exponiert, daß ohne Gottvertrauen wohl kein Bleiben wäre.

Immerhin wohnen von den knapp 5000 Einwohnern des Tals weit über die Hälfte fernab der Dörfer in den Berghöfen oder Weilern. Zufahrtswege und ein .Pendelbus für die Schulkinder mildern die Abgeschiedenheit. Die Bergbauern sind dem Himmel ein kleines Stück näher. Sie haben mehr Sonne und die schönere Aussicht als die Leute unten im Talgrund, wo im Winter die Schatten der Bergflanken den ganzen Tag lang kaum weichen.

Und sonst? Die dünne Schneedecke beschönigt nichts: Die Bergwiesen sind voller großer Steine. Mit einer speziellen, winkelförmigen Sichel müssen die Kinder im Sommer das Gras rund um die Steinbrocken schneiden, damit kein kostbarer Halm verlorengeht.

Die Sonne hat die Holzscheunen und -häuser der Pilshöfe dunkelbraun gebrannt. Damit der Wind die Schindeln nicht davonträgt, sind die Dächer mit Steinen und Stangen beschwert. Die Pilshöfe auf fast 1700 Meter Höhe am Ende des Ultentals sind ein beliebtes Photomotiv. So färben wir uns gern die Bergwelt schön: die halbzerfallene Mühle am Sturzbach, das Schachtelwerk von Häusern und Scheunen am Abgrund als archaisches Refugium vor der zerstörerischen Zivilisation. Das hölzerne, sonderbar geformte Arbeitsgerät an der Scheunenwand als genial arrangiertes Kunstwerk. Vor den heillos verrosteten Miniaturtraktor mogeln wir noch schnell das Scheunentor und stilisieren den Bauern zum Helden der Einsamkeit.