Von Heinz Nilges

Die ersten Stasi-Opfer blicken in ihre Akten. Dabei schauen viele Enttäuschte und Betrogene auf die Inoffiziellen Mitarbeiter. Zugleich wird oft vergessen, daß es beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) über 80 000 hauptamtliche Mitarbeiter gab. Wie steht es um diese Vorgesetzten der kleineren Spitzel, um jene Kader, die das „Unternehmen“ aus der Zentrale an der Berliner Normannenstraße und aus den Bezirksverwaltungen steuerten?

Diese Offiziere bildeten den Kernbereich des MfS. Die IM waren nur ihre Werkzeuge. Aber was machen diese Auftraggeber von gestern denn heute? Sind sie noch oder wieder im Staatsdienst als Polizisten, als Lehrer oder Verwaltungsbeamte? Beziehen sie Vorruhestandsgeld, oder verzehren sie gar „üppige“ Renten? Wie verkraften sie es, nicht mehr „oben“ in der sozialen und staatlichen Hierarchie zu stehen? Und wie werden sie damit fertig, dem heute verachteten Repressionssystem Stasi gedient zu haben? Empfinden sie Schuld? Die Suche nach Antworten verlangt, einen Blick zurückzuwerfen.

Unter der Regierung Modrow nahm das Ende der Stasi seinen langsamen Lauf. Im November 1989 begann der Personalabbau oder besser: eine „Personalumschichtung“. Stasi-Angehörige wurden in die Produktion geschickt, waren plötzlich wieder Lehrer oder schlichte Verwaltungsmitarbeiter. Weniger bekannt ist, daß etwa 7000 dieser Tschekisten zur Volkspolizei, zum Zoll und zur Nationalen Volksarmee versetzt und ihnen die beim MfS verbrachten Zeiten dort für die spätere Rente anerkannt wurden. Etwa 1500 Mitarbeiter gingen wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand.

Die meisten hauptamtlichen Stasisten jedoch entließ das Komitee zur Auflösung des MfS, das im Dezember 1989 gegründet worden war. Dieses Komitee zeichnete zuletzt nur noch für die Verwaltung und Verwertung des MfS-Vermögens und die Zahlung der Renten verantwortlich.

Im Sommer 1990 beschloß dann die Volkskammer der Noch-DDR, die zahlreichen Sonderleistungen für MfS-Mitarbeiter radikal zu kürzen. Die Versorgungsordnung des MfS wurde aufgehoben; die laufenden Versorgungen sanken erheblich, als Höchstbetrag galten fortan 990 Mark. Jene Kommissionen jedoch, die Ansprüche aberkennen konnten, wenn der Berechtigte in schwerwiegendem Maße seine Stellung zum eigenen Vorteil oder zum Nachteil anderer mißbraucht hatte, kamen nicht mehr zum Zuge: Am Vorabend der Vereinigung, am 2. Oktober 1990, löste der Minister des Innern der DDR das Komitee auf und entließ die wenigen noch vorhandenen Mitarbeiter.

Schillernde Beispiele von alten Seilschaften, die sich Posten und Tantiemen zuspielen, prägen den Argwohn über die heutige Situation ehemaliger Stasi-Mitarbeiter. Es wird immer wieder behauptet, die alten Seilschaften aus der DDR-Zeit seien auch heute wieder in wichtigen Positionen. Gelder und Vermögen seien auf die Seite gebracht worden und bildeten die Grundlage für einen neuen Start. Das gibt es tatsächlich in nicht wenigen Fällen. Auch erregen zum Teil sehr hohe Honorare, die frühere Würdenträger des SED-Regimes wie Markus Wolf für Buchveröffentlichungen und Interviews erhalten, Ärgernis. Womöglich erpreßt mancher frühere Führungsoffizier des MfS heute seine ehemaligen IM und nutzt so sein altes Herrschaftswissen ein letztes Mal. Doch sind dies Ausnahmen. Für die Masse der hauptberuflichen Stasi-Offiziere gilt: Beim neuen Start in eine berufliche Zukunft haben sie sehr schlechte Karten.