Von Heinz Josef Herbort

Wer in die einschlägigen Kataloge blickt, könnte vermuten, daß es so schlecht ja nun doch nicht bestellt sei: Rund vierzig Werke von Karlheinz Stockhausen, darunter zwei seiner „LICHT“-Opern („Donnerstag“ und „Samstag“) sind auf Schallplatten erhältlich, und dies nicht nur auf der nun langsam anachronistisch werdenden Langspielplatte – sechzehn verschiedene CDs liegen vor. Aber: Die großen Schallplatten-Hersteller sonnen sich zwar im Glanz ihrer Mozart-Gesamteinspielungen, verspüren hingegen nur ein gemäßigtes Engagement für den Vertrieb einer solchen Orchideen-Züchtung wie des kompletten Werkes von Karlheinz Stockhausen.

Der wird genauestens wissen, wie viele Exemplare von den sporadischen Plattenveröffentlichungen tatsächlich an den Hörer gerieten – warum er folglich sich entschloß, sein gesamtes Œuvre nicht nur seit Jahren schriftlich, also als Noten, sondern jetzt auch akustisch, auf Compact Discs, im Eigenverlag herauszugeben (Ketten berg 15, W-5067 Kür ten). Daß er dazu gelegentlich sogar die Rechte an den von ihm selber geleiteten Aufführungen seiner eigenen Kompositionen zurückkaufen mußte, ist für Nichtjuristen ein kaum zu verstehendes, gleichviel reales Phänomen.

Wir aber, die wir doch die alten Einspielungen besitzen: müssen wir nun die Stücke auch unbedingt im modischen CD-Format besitzen? Da indes zeigt sich ein wesentlicher Vorteil der neuen Technik: die mühe- und vor allem gefahrlose Möglichkeit der Wiederholung bestimmter Passagen, die Chance damit, aufmerksam zu werden für Details, mit kritischem Ohr auch den Klängen nachzuhorchen, ihre Veränderungen wahrzunehmen, die kleinen Nuancen miteinander zu vergleichen, die Artikulationen, die Phrasierungen, die Klanggemische, die Hüllkurven der Klänge; die Kontraste zwischen den Werken einer bestimmten Phase wahrzunehmen – etwa auf der CD 1 so Unterschiedliches wie die Lieder, Chorsätze und die Sonatine des zweiundzwanzigjährigen Studenten und das „Kreuzspiel“ des Dreiundzwanzigjährigen, auf CD 2 die allmähliche Genese der „punktuellen“ Musik; sich in eine bestimmte komplexe Form hineinzuhören, deren Struktur zu erfassen – etwa von „Mantra“ auf CD 16.

Hier allerdings sollte niemand stehenbleiben. Denn schließlich hat uns Karlheinz Stockhausen in seinen (bisher sechs) Bänden „Texte zur Musik“ (DuMont Buchverlag, Köln) eine Fülle der verzwickten Techniken und scheinbar so komplizierten Binnenverhältnisse aufgedeckt, die seine Werke damals so fremdartig und heute so selbstverständlich, gleichviel aufregend und rätselhaft, intelligibel und doch in weiter, weiter Ferne unnahbar erscheinen ließen und lassen. Die Kombination der Gesamtausgabe mit ebenjenen Texten könnte unseren allmählich ins Gespenstische gewachsenen musikalischen Bildungsnotstand zumindest in einem wichtigen, weil zentralen Bereich abhelfen. Die Skepsis freilich, daß von den Möglichkeiten und Gewinnchancen dennoch allzuwenig Gebrauch gemacht werden wird, hat leider ihre Gründe im real-existierenden Kulturbetrieb: Der Prophet gilt nichts in seinem Heimatland.

  • Karlheinz Stockhausen: „Chöre für Doris / Choral / Drei Lieder / Sonatine / Kreuzspiel“

Chor des NDR Hamburg / Sylvia Anderson, SWF-Sinfonieorchester Baden-Baden / Gawriloff, Kontarsky / London Sinfonietta; CD 1