Eremit zu entdecken

Strenggenommen gibt es ihn überhaupt nicht. Er scheint nur als Chiffre zu existieren, die in fast jedem Gespräch, jedem Text auftaucht, wenn es um moderne amerikanische Musik, um die Ursprünge der Minimal music geht – La Monte Young. Kaum jemand, der ihn gesehen oder bei öffentlichen Auftritten gehört hat. Wie seine Musik, deren Sinustöne tage-, wochen-, monatelang in seinen „Dream Houses“ schwebten, raunen seit Jahrzehnten die Geschichten von mysteriösen Endlos-Aufführungen seines Hauptwerks „The Well Tuned Piano“. Der Mythos erwacht jetzt zum Leben. Den weißen Bart zum Zopf gezwirbelt, ein dunkler Cowboy-Hut zur Jeansjacke – der New Yorker Eremit La Monte Young präsentiert sich mißtrauisch-freundlich in Berlin: mit „Young’s Dorian Blues in G“, einem Blues in nicht temperierter, reiner Stimmung, den er mit seiner „The Forever Bad Blues Band“ als Weltpremiere am 1. März im Ballhaus Naunynstraße dröhnen läßt. Mit „The Melodie Version“ (1984) „Of The First Blossom Of Spring“ (aus: „The Four Dreams Of China“, 1962), die er mit vier Cellisten des NDR am 8. März um 15.00 Uhr im Carl-Zeiss-Planetarium am Prenzlauer Berg aufführt. Und mit einem indischen Konzert für Stimme, Tanpura und Tabla, das am 12. März im „Haus der Kulturen der Welt“ (John-Foster-Dulles-Allee) stattfindet. Wer sich aber seine Illusion erhalten will, pilgert in das „Dream House“, zu einer Ton- und Lichtinstallation in der „Ruine der Künste“ (Hittdorfstraße 5, Berlin-Dahlem, bis zum 8. März). Dort lebt La Monte Young wie bisher – als reines Licht und reine Musik.

Dresdner Frauenkirche Nr. 2

Alle guten Gründe, die 1743 vollendete, 1945 mit der Innenstadt Dresdens untergegangene Frauenkirche nicht zum zweitenmal zu bauen, sondern ihre herzergreifende Ruine als mächtiges Mahnmal zu bewahren, sind nun zertrümmert worden. Nun ist es sicher, daß sie neu gebaut werden wird. Als erste hatten die Denkmalpfleger dem Druck nach gegeben – obwohl das Denkmal, das sie zu pflegen hätten, beseitigt wird. Als nächste ließ sich die Evangelische Landeskirche von Sachsen herumkriegen – obwohl sie diese Kirche des Barockbaumeisters Georg Bähr gar nicht wollte, weil sie keine Gemeinde mehr dafür habe. Nun hat der ästhetische Rausch der Geschichtskorrektoren auch die letzte Instanz, das Dresdner Stadtparlament, ergriffen; es beschloß den Neubau der Barockkirche – obwohl die vielen, vielen Millionen Mark, die die Stadt nun beisteuern muß, dringend anderswo gebraucht werden. Sechzig Prozent der alten Steine, heißt es, seien erhalten – doch niemand weiß, ob sie noch verwendbar sind. Stets ist von Rekonstruktion die Rede – jedoch ist ziemlich sicher, daß die Kuppel, der ganze Ruhm des alten Bauwerks, dereinst nur noch ein mit Naturstein verkleideter moderner Stahlbetonbau sein wird, der mit dem Original nichts als die Form gemein haben wird. Dafür also wird die bewegendste, die malerischste Ruine von ganz Europa zerstört...