Entwicklungspolitik heißt vor allem, sich den Mut nicht nehmen zu lassen

Von Christoph Bertram

Guatemala, im Februar

Alvons Hesedia, der guatemaltekische Verkehrsminister, läßt dem deutschen Entwicklungspartner feierlich eine Urkunde überreichen: „Für vorzügliche Zusammenarbeit mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die einen wertvollen Beitrag für den Entwicklungsfortschritt in Guatemala leistet, ausgefertigt am 11. Dezember 1991 im National-Palast.“ Darunter prangt ein goldenes Siegel. Das Dokument des Dankes lobt ein Projekt der Armenhilfe, jener Form der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit also, die noch am wenigsten umstritten ist. Doch selbst dieser Versuch, das Elend zu mildern, wirft kritische Fragen auf: Kann es überhaupt „Entwicklungsfortschritt“ geben? Oder bleibt alles nur mehr oder weniger erfolgreiche Nothilfe? Darf die Unterstützung davon abhängig gemacht werden, ob im Empfängerland die politischen, wirtschaftlichen und sozialen „Rahmenbedingungen“ stimmen? Wer soll nach welchen Kriterien auswählen, wem im weltweiten Milliardenheer der Armen geholfen wird – und wem nicht?

Wer Entwicklungspolitik betreibt, braucht zunächst einmal die Fähigkeit, sich den Mut nicht nehmen zu lassen. Zu groß sind die Widrigkeiten innerhalb der armen Länder, zu mächtig scheinen auch die weltwirtschaftlichen Hemmnisse; wer allein auf sie blickt, der muß die Hoffnungen schnell fahrenlassen, daß es so etwas wie „Entwicklungsfortschritt“ überhaupt geben wird.

Alle handeln mit Drogen

Zumindest in Guatemala. Seit über dreißig Jahren herrscht Bürgerkrieg im Land, 100 000 Menschenleben hat er nach vorsichtigen Schätzungen gekostet. Der Konflikt dauert länger, ist noch auswegloser als im benachbarten El Salvador, wo Rebellen und Regierung soeben Frieden schlossen. Die Bevölkerung wächst mit jährlich 3,5 Prozent schneller als die Wirtschaft; die Zahl derer, die unterhalb der Armutsgrenze leben, liegt bei 85 Prozent. Soziale Verkarstung hatte einst den Bürgerkrieg geboren, jetzt führt er zu Mißachtung der Menschenrechte. Militärs wie Guerilleros, berichtet ein Ortskundiger, finanzieren sich zunehmend über den Drogenhandel; bald könnte Guatemala nicht nur Durchgangsgebiet, sondern auch Anbaugebiet für Drogen werden – ein Teufelskreis droht sich zu schließen.