Von Marlies Menge

Er hat Seltenheitswert. Heiko Lietz vom Bündnis 90 tut immer nur, was er für richtig hält. Ob es andern gefällt oder nicht. Die Stasi nannte ihn „Zersetzer“, und Lietz hat sich diese Auszeichnung sauer verdient. Als ich den hochgewachsenen Mecklenburger mit den buschigen Augenbrauen 1978 kennenlernte, war er Pfarrer in Güstrow, ein freundlicher Mann, der mit seinen Landsleuten auf der Straße plattdeutsch sprach. Freitags drängten sich Jugendliche um ihn, tranken Club Cola, rauchten, diskutierten. Sie kamen, ohne Kirchenmitglieder zu sein; viele waren alkoholgefährdet, Lietz stellte sich ihren Fragen: Hat Christus Alkohol getrunken? Was sagst du dazu, daß Michael in den Westen abgehauen ist?

1980 zog er den Talar aus. Das verstand kaum einer. Wie konnte er die Jugendlichen im Stich lassen? Dachte er gar nicht an seine Familie? „Ich wollte die Abgehobenheit auflösen, dieses Monopol der Wortverkündung und Gemeindeleitung, wollte Urgemeinde ohne Hierarchie und die Demokratisierung der Gesellschaft.“ Die Kirche hatte es nicht leicht mit Lietz, den selbst dickschädelige Mecklenburger damals einen Querulanten nannten. Er hatte seinen eigenen Kopf. Er wurde Gemeindemitarbeiter in einem Rostocker Neubaugebiet, versuchte eine neue Art von Zusammensein, in dem gemeinsam gegessen, gesungen und gebetet wurde. Er hielt Eltern an, ihren Kindern selbst Religionsunterricht zu geben. Nach vier Monaten wurde er entlassen. Aus der Traum, die Kirche wollte ihn nicht mehr. Er war arbeitslos.

Als dann eine kirchliche Arbeitsgemeinschaft Frieden gegründet wurde, signalisierte Lietz sein Interesse. Ein anderer übernahm jedoch die Leitung, Lietz half ihm, ohne Bezahlung. Gleichfalls unentgeltlich beteiligte er sich an den Kessinger Friedensseminaren und bildete einen außerkirchlichen Friedenskreis in Güstrow, später in Rostock. Lietz mokierte sich öffentlich über die staatlich verordneten Schutzübungen bei Atomschlägen, sammelte Unterschriften gegen die Aufstellung von Kurzstreckenraketen in beiden Teilen Deutschlands. Nicht nur der Stasi, auch manchem um Entspannung Bemühten war er zu aggressiv, zu laut.

Die Familie lebte von dem, was die Frau als Ärztin verdiente, und von Paketen und Geld aus dem Westen. „Ich war bereit, alles zu tun, bei der HO kellnern, Teller abwaschen. ‚Ja‘, hieß es meist, ‚wir könnten Sie gebrauchen.‘ Wenn ich wiederkam, um anzufangen, war die Stelle schon besetzt. Ich bin von morgens bis nachmittags von einem Rostocker Betrieb zum andern gelaufen.“ Überall sorgte die Stasi dafür, daß er nicht genommen wurde. Ein paar Wochen arbeitete er in der Rostocker Kunsthalle. Auch hier mußte Lietz wieder gehen. Er sei ein Sicherheitsrisiko. Schließlich landete er bei der staatlichen Volkssolidarität, trug Essen für alte Leute aus. „Seit damals weiß ich, wie das ist, sich zu verkaufen, seine Haut zu Markte zu tragen.“ Es hilft ihm heute, Arbeitslose zu verstehen. „Mehr als die Stasi-Vergangenheit bedrückt die Menschen, daß sie keine Arbeit haben. Arbeitslose empfinden sich als asozial.“

Heiko Lietz war ein Dauerbeobachtungsobjekt der Stasi: Als Bundeskanzler Helmut Schmidt 1981 Güstrow besuchte, stellte sie Lietz kurzerhand unter Hausarrest. Am heftigsten geriet er nach einem Vorfall Ende 1984 mit der Stasi aneinander: Da waren zwei Tage vor Weihnachten abends gegen elf Uhr drei Männer, leicht angetrunken, von einer Weihnachtsfeier gekommen. Sie rüttelten aus Übermut an der Tür des Güstrower Stasi-Gebäudes. Ein Hund bellte, der Stasi-Wachtmeister – auch er nicht nüchtern – erschien und wollte die Ausweise der Männer kontrollieren. Als sie sich weigerten und ihn auslachten, schoß er auf sie. Einer der Männer starb kurz nach dem Vorfall, der zweite zwei Tage später, der dritte lag fast ein Jahr im Krankenhaus und wurde mit einem verkürzten Bein entlassen. Am nächsten Tag kamen Freunde des Erschossenen zu Lietz, baten ihn, etwas zu unternehmen, das Ganze öffentlich zu machen. Er besuchte die Angehörigen; doch die waren vergattert worden, nichts gegen die offizielle Stasi-Version zu sagen. Danach waren die drei Männer auf das Gelände des Ministeriums für Staatssicherheit vorgedrungen; der Wachtmeister habe also auf Einbrecher geschossen. Lietz lud später die Angehörigen zu einem Friedensgebet ein, den sein Friedenskreis zusammen mit der Pfarrkirche veranstaltete, und erzählte hier den realen Hergang des Vorfalls. Der mecklenburgische Bischof Stier unterstützte Heiko Lietz, als er den Fall an die Öffentlichkeit brachte.

Die Reaktion der Stasi blieb nicht aus: Sie erhob gegen ihn Anzeige wegen Behinderung staatlicher Maßnahmen und Verbreitung von Gerüchten. Ein Prüfungsverfahren wurde eingeleitet; dreimal wurde Lietz von der Stasi abgeholt. Man versuchte, ihn zu zermürben: über die Frau, die Schule der Kinder, über die Volkssolidarität. Er wurde rund um die Uhr beobachtet. Heute sagt Lietz, er habe vor allem Bischof Stier zu verdanken, daß die Sache schließlich fallengelassen wurde. Doch nach der Wende haben sich viele Güstrower wieder an diese Geschichte erinnert. Es gab eine Demonstration zum fünften Todestag der Opfer, ein Gedenkstein wurde enthüllt. Der Stasi-Wachtmeister und Todesschütze wurde nach der Vereinigung von einem Berliner Gericht zu zehn Jahren Haft verurteilt. Typisch für Lietz: Wenn er sein Leben erzählt, erwähnt er diese Wildost-Geschichte nicht. Er erzählt sie erst auf Nachfrage. Er könne es nicht mehr hören, wie sehr auf einmal alle Opfer waren.