Von Fritz J. Raddatz

Ich habe ihn geliebt. Er war ein bekannter Mann, wenige haben ihn gekannt. Heinrich Maria Ledig-Rowohlt war nicht nur als Verlagskaufmann ein listiger Fallensteller – der uneheliche Sohn Ernst Rowohlts und der Schauspielerin Maria Ledig war auch ein Schauspieler der tausend Masken. Hinter denen verbarg sich ein verletzlicher, scheuer, einsamer Mensch; die vielleicht komplizierteste Persönlichkeit, der ich begegnet bin.

Die Anekdoten und Kostümierungen – viele von ihm selber geradezu liebevoll inszenatorisch gepflegt – sind Legende in den Hauptstädten der Bücherwelt, von Mailand bis Tokio, Frankfurt und New York: die gelben Söckchen und fliederfarbenen Seidenkrawatten, die hochtaillierten Anzüge aus der Saville Row und der Bowler-Hut; das Glas-Zerbeißen (vornehmlich: Champagner-Gläser) und die Purzelbäume (vornehmlich: mit Zigarre im Mund); die elektrische Eisenbahn im Knoll-gestylten Verlags-Chefbüro wie das Schaukelpferd davor; die Bordellbesuche (inklusive von der Sekretärin hereingereichter Unterschriftenmappe) wie der vorm Lübecker Ratskeller vergessene Chauffeur (inklusive Taxirückfahrt und gelassenem "Na, hier" als Antwort auf die Rückfrage im Verlag, wo Herr Ledig denn sei); der Pingpong-Tisch für Henry Miller in der Eingangshalle wie die auf dem Rücken der biertrinkenden Pferde des "Hippodroms" endenden Reeperbahn-Sauftouren mit James Baldwin – das und viele, viele Geschichten mehr gehören zum Repertoire der einen großen Inszenierung, die Heinrich Maria Ledig-Rowohlt hieß.

Aber es täuscht sich gewaltig, wer den Clown für den Mann hält, den Charmeur für den Menschen. Ledig, wie seine Freunde ihn nannten, auch seine Frau – Ledig hatte sich aus alldem ein Versteck gebaut; ein nur in diesem einzigen Exemplar existierender Paradiesvogel, der sich ein Nest gepolstert hatte aus Havanna-Zigarren, bestickten Samt-Pumps, farbigen Ziertüchlein und geblümten Hosenträgern: einen surrealistischen Wall gegen die Welt. Darin verborgen – selbst das dröhnende Lachen perfekte Schalltäuschung – ein nahezu hautlos sensibler Mensch, der in einer Mischung aus Mißtrauen und Hoffnung auf Liebe wartete, auf Freundschaft und Zuneigung.

Er wird sie vom Vater, in dessen Berliner Verlag der damals Zweiundzwanzigjährige 1930 eintrat, nicht bekommen haben; der nannte ihn noch "Herr Ledig", bis es ans Lizenzenverteilen ging. Die frühe und lang anhaltende Verletzung wurde nicht nur kompensiert durch gelegentlich nachgeäfftes Bramarbasieren – sie war wohl auch die Geburtsstunde des genialen Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Literatur konnte man ohne Furcht vor Verwundungen lieben – und sie liebte, war man Verleger, gleichsam zurück. Ledig, dem zeitlebens die Idee des Androgynen faszinierend war, konnte hier zeugen und gebären zugleich. Deshalb konnte der blutjunge Mann William Faulkner entdecken oder Thomas Wolfe, und deshalb hat er in einer geradezu orgiastischen Riesenumarmung uns nach Deutschland hereingeholt, was Jahrzehnte das kulturelle Bewußtsein prägen sollte – Sartre wie Camus, Nabokov wie Genet, Céline wie Italo Svevo. Es scheint mir fast indiskret-taktlos – vielleicht auch, weil ich zehn Jahre so eng mit ihm zusammenarbeitete –, nun wie in einem Verlagskatalog die Namen von Autoren aufzuzählen; Ledigs Persönlichkeit schiene mir reduziert auf einen gescheiten Rechte-Akquisiteur (der er – man denke an die Millionenerfolge mit Ceram, Malpass, Harper Leeauch war).

Aber das Gesetz dieses Menschen hat man nicht begriffen, wenn man an eine schöne Jouhandeau-Ausgabe, die Edition der Briefe Oscar Wildes oder den mutigen Einsatz für Henry Miller erinnert. Da war eine tiefere Dimension. Literatur war die Lebensdroge für diesen Mann. (Und er hatte Glück, daß seine schöne Frau Jane diese Sucht teilte.) Deswegen konnte er sich wie in einem erotischen Rausch in Bücher verlieben – gelegentlich je heftiger, desto unerreichbarer sie waren; daher die Gier, mit der er anfangs schier unübersetzbare Autoren wie Pynchon oder Hubert Selby verschlang, oder die einer Huldigung gleichende Zartheit, die er jedem Beckett-Text entgegenbrachte. Das mußte gar nicht "sein" Autor sein. Ich erinnere mich noch der Kränkung meiner verlegerischen Habgier, als Ledig sagte: "Ach, lassen Sie doch – der Proust paßt viel besser zu Suhrkamp, wir sind doch nicht fein"; und dann freute er sich über die Bände in Prousts berühmter Lieblingsfarbe Mauve. Er war kein Raffke. Als der schon sehr bekannte Heinrich Böll Unmut über seinen Verlag signalisierte – in dieser Fauna das Duftzeichen "Ich bin zu haben" –, rief Ledig seinen Freund Witsch an und sagte: "Du mußt dem Böll mehr Geld, ordentlich Geld geben, sonst kommt er zu mir. Das will ich aber nicht."

So konnte er – vielleicht in dem Bewußtsein: "Der bessere Verleger bin ich ohnehin"? – auch Verluste einstecken: Ende der fünfziger Jahre kam ein sehr junger, sehr unbekannter und sehr reicher Italiener mit der Idee zu ihm, einen Verlag zu gründen, und fragte Ledig um Rat. Ledig beriet ihn, vermittelte ihm seine internationalen Verbindungen, und in Mailand wurde der Verlag auf den Namen des jungen Mannes gegründet: Giangiacomo Feltrinelli. Der hatte Glück – zwei seiner ersten Bücher, Pasternaks "Dr. Schiwago" und Lampedusas "Der Leopard", wurden Welterfolge. Die deutschen Rechte hatte er an Ledigs Konkurrenten verkauft. Es wurde eine lebenslange Freundschaft, seine Frau Inge lernte Feltrinelli in Ledigs Haus kennen.