Warum Konrad Adenauer die Stalin-Note vom 10. März 1952 nicht ausloten ließ

Von Gottfried Niedhart

Die Tagesordnung der Bonner Kabinettssitzung vom 11. März 1952 versprach politisches Alltagsgeschäft. Da ging es um Finanzfragen, Gebührenbefreiung beim Wohnungsbau, Butterzölle, Preise für Kalidüngemittel. Ob die Bundesminister diesen Punkten konzentriert folgten, mag bezweifelt werden. Denn zu Beginn wurde über einen Vorgang diskutiert, der als "Stalin-Note" bekannt geworden ist.

Am Vortag hatte der stellvertretende sowjetische Außenminister Andrej Gromyko in Moskau den Botschaftern der drei Westmächte eine Note übergeben, in der den Deutschen nichts weniger als die Wiedervereinigung und ein Friedensvertrag in Aussicht gestellt wurden. Die Note richtete sich an die westlichen Siegermächte, die zusammen mit der Sowjetunion die Verantwortung für "Deutschland als Ganzes" trugen, und nicht an die Bundesregierung, die zu diesem Zeitpunkt noch die Regierung eines nichtsouveränen Staates war.

Die sowjetische Führung machte ein Angebot, das sie bei früheren Konferenzen zur deutschen Frage noch unterlassen hatte. Dies waren die wichtigsten Punkte:

  • Deutschland wird als "einheitlicher Staat wiederhergestellt" – allerdings nicht in den Grenzen von 1937, sondern ohne die Ostprovinzen jenseits von Oder und Neiße.
  • Die Besatzungsmächte müssen ihre Truppen "spätestens ein Jahr nach Inkrafttreten des Friedensvertrags" zurückziehen.
  • Das vereinigte Deutschland verpflichtet sich, keinen Koalitionen oder Militärbündnissen anzugehören, "die sich gegen irgendeinen Staat richten, der mit seinen Streitkräften am Krieg gegen Deutschland teilgenommen hat".
  • "Eigene nationale Streitkräfte" sind in einem Umfang erlaubt, der "für die Verteidigung des Landes notwendig" ist.

"Nationale Streitkräfte" – das war ein Stichwort, das auf diejenigen in der Bundesrepublik gemünzt war, die eine gesamtdeutsche und nationalpolitische Lösung der deutschen Frage vorzogen, statt sich mit der Teilung des Landes und der identitätsverleugnenden Integration in Westeuropa abzufinden. Was war schon der "europäische Mensch", von dem Konrad Adenauers Vertrauter Herbert Blankenhorn im Sommer 1951 gesprochen hatte und der "gegen radikale Lösungen von rechts oder links immun" sein sollte?

Die nationale Identität, in der man groß geworden war, blieb ungebrochen attraktiv, obwohl die Nation nach ihrem Sturz 1945 wie ein Tabu behandelt wurde. Konstitutiv für die Nachkriegszeit ist es gewesen, daß sich die Deutschen mit dem versuchten Schlußstrich unter die jüngste Vergangenheit nach der sogenannten Stunde Null auf die Siegermächte ausrichteten. In der offiziellen Lesart und im Kopf wurde dem nationalen Sonderbewußtsein abgeschworen, obwohl es im Gefühlsbereich fraglos noch existierte und eine politisch real vorhandene Größe geblieben war.

Genau das Verlangen nach nationaler Eigenexistenz wurde in der sowjetischen Note anerkannt, unterstrichen noch dadurch, daß auch die Vertreter des extremen Nationalismus in Deutschland, "alle ehemaligen Nazis", darin genannt wurden. Zusammen mit "allen ehemaligen Angehörigen der deutschen Armee, einschließlich der Offiziere und Generäle", sollten ihnen "die gleichen bürgerlichen und politischen Rechte wie allen anderen deutschen Bürgern gewährt werden zur Teilnahme am Aufbau eines friedliebenden, demokratischen Deutschland". Nur die rechtskräftig verurteilten Nazi-Verbrecher sollten ausgenommen sein.

Damit begab sich die Sowjetunion auf die gleiche Linie, die schon der erste Nato-Oberbefehlshaber, General Dwight D. Eisenhower, und auch Bundeskanzler Adenauer 1950/51 verfolgt hatten, als sie Ehrenerklärungen für all jene Angehörigen der deutschen Wehrmacht abgaben, die sich nichts hatten zuschulden kommen lassen. Auf diese Weise wurden in der Bundesrepublik Traditionspflege und Kontinuitätsdenken wieder möglich, wenn auch deutlich eingebunden in ein vom Westen kontrolliertes Europa.

Stalin ging 1952 – jedenfalls auf den ersten Blick – noch ein Stück weiter, indem er den Deutschen anstelle der vom Westen angestrebten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) wieder nationale Streitkräfte gestattete. Welche Größe und Bewaffnung sie in einem wiedervereinigten Deutschland würden haben dürfen, wäre eine Sache von Verhandlungen gewesen. Für manche Deutsche eine verlockende Vorstellung, für andere eine risikoreiche Verlockung. Zu letzteren gehörte der Bundeskanzler, der seine kurz vor dem Abschluß stehenden Verhandlungen über den Deutschlandvertrag gefährdet sah.

Durch diesen Vertrag sollte das Besatzungsstatut aufgehoben und die Bundesrepublik ein (fast) souveräner Staat werden. Adenauer erblickte im Moskauer Vorstoß denn auch ein reines Störmanöver, das die Anbindung der Bundesrepublik an den Westen und ihre Einbindung in das westliche Sicherheitssystem verhindern sollte.

Darüber hinaus richtete sich die sowjetische Initiative, in Adenauers Interpretation, vor allem an Frankreich, von dem jeder wußte, wie schwer man sich dort mit einer deutschen Remilitarisierung tat; ein Argument freilich, das erst recht im Fall einer deutschen Nationalarmee gegolten hätte. So wie Deutschland auf den Pfad der bewaffneten Neutralität, sollte Frankreich zu seiner antideutschen, "alten traditionellen Politik mit Rußland" gelockt werden.

Das eine wie das andere war ein für Adenauer beängstigendes Szenario. "Oberste Pflicht", so die Losung, die er am 14. März vor dem Kabinett ausgab, sei es, "jetzt zu schweigen". Es dürfe kein Keil zwischen die Bundesrepublik und die westlichen Alliierten getrieben werden. Die Bundesregierung "dürfe unter keinen Umständen das Mißtrauen erwecken, als wenn wir in unserer Politik schwankten".

Völlig anders sah dies Jakob Kaiser, der Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen. Der frühere Vorsitzende der CDU in Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone wollte die räumliche und ideologische Schwerpunktverlagerung . der deutschen Politik nach Westen nicht um den Preis der Teilung Deutschlands mitmachen. Er hielt eine "nationale deutsche Armee" für "wertvoller" als eine "europäische".

Kaiser plädierte von Anfang an für eine "positive Haltung" zur Stalin-Note. Der Minister erklärte nicht Ruhe zur ersten Bürgerpflicht, denn aus seiner Sicht war die Spaltung des Landes keineswegs definitiv. Ihre Uberwindung war nicht nur wünschbar, wie alle sagten; sie sei auch erreichbar, wie nur wenige meinten. Man müsse bedenken, daß alles ja "noch ganz anders werden" könne, hielt er dem Bundeskanzler entgegen, dessen Zorn er sich bereits zugezogen hatte. Man dürfe nicht schweigen, sondern müsse reden.

"Historisches Versäumnis"

Damit waren im Bundeskabinett die Positionen markiert, welche bis heute in der Diskussion über die Stalin-Note eine Rolle spielen. Die Note wurde zum Reizwort und Stichwortgeber. Für die Anfangsphase der Bundesrepublik hat sie fast mythische Züge angenommen. Die einen freuen sich, daß man einer sowjetischen Versuchung wiederstanden hat. Die anderen sehen in der Haltung Adenauers geradezu einen Sündenfall: Als die Chance von 1952 verpaßt wurde, sei man endgültig aus dem Paradies der nationalen Einheit vertrieben worden.

"Ausloten" lautete der Gegenbegriff zu Adenauers "Schweigen". Der SPD-Vorsitzende und Oppositionsführer Kurt Schumacher, der das Ende des ostwestlichen Notenwechsels im September 1952 nicht mehr erleben sollte, beschwor in einem Brief vom 22. April den Bundeskanzler, nichts ungeprüft und unversucht zu lassen, was Bewegung in die deutsche Frage bringen könnte, ganz im Sinne Kaisers, für den "alles ja noch ganz anders werden" konnte.

"Um dies festzustellen [so Schumacher], sollten sobald wie möglich Viermächteverhandlungen stattfinden. Wenn sich dabei herausstellen sollte, daß auch nach den letzten Noten der Sowjetregierung nicht die Möglichkeit gegeben ist, durch eine Viermächteübereinkunft die Voraussetzung für freie Wahlen in den vier Zonen und Berlin zu gewährleisten, dann wäre doch auf jeden Fall klargestellt, daß die Bundesrepublik keine Anstrengungen gescheut hat, um eine sich bietende Chance zur Wiedervereinigung Deutschlands und Befriedung Europas auszunützen."

Dieses Element gesamtdeutscher Politik, das über die Ebene der üblichen Wiedervereinigungsrhetorik hinauswies, hielt sich in der SPD auch nach Herbert Wehners historischer Bundestagsrede vom Juni 1960. Mit seiner Rede hatte Wehner die Versöhnung der Sozialdemokraten mit Adenauers Politik einer entschiedenen Westbindung besiegelt.

Für die Gegner Adenauers waren Westbindung und Wiedervereinigung ein Widerspruch. In der Tat sind die Bedingungen der fünfziger Jahre völlig anders gewesen als Ende der achtziger Jahre. Damals war Adenauers These unbegründet, wonach die Westbindung des westlichen Teilstaats die Wiedervereinigung bringen werde.

Nachdem in Bonn die sozial-liberale Koalition gebildet worden war, kam Wehner im Januar 1970 auf die alte Sache zurück. In der Aussprache über Willy Brandts "Bericht zur Lage der Nation" nannte er Adenauers Auffassung von 1952 ein "historisches Versäumnis" und einen "schwerwiegenden Denkfehler": "Es war ein historisches Versäumnis, nicht in Verhandlungen zu prüfen oder, wie wir damals sagten, auszuloten, was an Substanz drinsteckte." Wehner vermied Festlegungen, ob "Substanz drinsteckte".

In der wissenschaftlichen Kontroverse über die Stalin-Note ist unter Zeithistorikern eine noch weiter gehende Kritik anzutreffen. Manche meinen, Adenauer habe nicht nur eine "Gelegenheit versäumt", wie Paul Sethe damals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (wo heute eher die Adenauer-Fans zu Wort kommen) schrieb, vielmehr sei der Kanzler sogar ein erklärter Gegner der deutschen Einheit gewesen. Dies sei an seiner Reaktion auf die Stalin-Note ebenso ablesbar wie an seinem Schweigen in der denkwürdigen Bundestagsdebatte im Januar 1958, als seine Deutschlandpolitik unter anderem von dem FDP-Politiker Thomas Dehler und dem SPD-Abgeordneten Gustav Heinemann zerpflückt wurde. Im Frühjahr 1952 war von Dehler, damals Bundesjustizminister, allerdings nichts dergleichen zu hören gewesen; Heinemann indes hatte sich schon 1950, damals noch in der CDU, mit seinem Rücktritt als Innenminister im ersten Kabinett Adenauer gegen die Politik des Kanzlers erklärt.

Wiedervereinigung ohne Opfer

Die Debatte über die Stalin-Note kreist um zwei Hauptfragen. Einmal geht es darum, ob das sowjetische Angebot "ernsthaft" war und ob Verhandlungen mit Aussicht auf Erfolg hätten geführt werden können. Auch ohne Zugang zu den Akten – der aber leider bis in die jüngste Zeit in Moskau nicht möglich war und in manchen Punkten auch in Bonn nicht gegeben ist! – wird man heute sagen können: Stalin hat am 10. März 1952 ein ernstgemeintes Angebot gemacht.

Nicht nur der Westen hatte in jenen Jahren des Kalten Krieges seine Bedrohungsängste und Feindbilder. Nichts schien den sowjetischen Politikern und Militärs bedrohlicher als die Einfügung der Bundesrepublik in den westlichen Block. Die Deutschen des Jahres 1952 jedoch sahen sich vor allem als Opfer sowjetischer Machtpolitik. Wie konnte man dann vor ihnen noch Angst haben? In der Sowjetunion aber waren die Taten der Deutschen in den Kriegsjahren nicht vergessen, hatte doch der Krieg die Vernichtung der Sowjetunion zum Ziel gehabt. Würden die Deutschen jetzt im westlichen Militärbündnis wieder zu ihrer alten Täterrolle zurückkehren? Da war es allemal besser, Deutschland – auch ein wiedervereinigtes – zu neutralisieren.

Ob Verhandlungen mit Aussicht auf Erfolg hätten geführt werden können, weiß man nicht, weil es nicht dazu kam. Adenauer war strikt dagegen, denn diesen Erfolg wollte er gerade nicht. Damit sind wir bei der zweiten Hauptfrage: Welche Ziele bestimmten 1952 die Politik des ersten Bundeskanzlers, und wie sind sie zu bewerten?

Man kann Adenauer vorwerfen, er habe seine Deutschland- und Außenpolitik geführt, ohne zu wirklicher Diskussion und zu offenem Meinungsaustausch bereit zu sein. Alle waren davon betroffen: das Kabinett, die Fraktion der CDU/CSU, der CDU-Parteivorstand, der außenpolitische Ausschuß des Bundestags und das Parlament insgesamt. Außenpolitik war für Adenauer Chefsache und nicht Gegenstand der Debatte, schon gar nicht der öffentlichen Selbst in der ansonsten lammfrommen Unionsfraktion regte sich im April 1952 Protest gegen den autoritären Führungsstil des "Alten".

Was man Adenauer aber nicht vorwerfen kann, ist die Verschleierung seiner außenpolitischen Linie, insbesondere seiner Prioritätenfolge Westintegration vor Wiedervereinigung. Wenn Wiedervereinigung, dann ohne Opfer! Eine Einstellung, an der sich bei den Westdeutschen bis zur tatsächlichen Vereinigung der beiden Teilstaaten ja wenig ändern sollte. In diesem Grundsatz stimmten die meisten seiner innerparteilichen Kritiker mit Adenauer durchaus überein. Ungeübt in Konfliktaustrag und in demokratischer Willensbildung nahmen sie letztlich auch immer wieder Adenauers Anspruch hin, in der Außenpolitik sei ein, wie er noch 1955 meinte, "Führer" vonnöten. So wie in der Weimarer Republik der Reichspräsident als der "Ersatzkaiser" galt, war in den fünfziger Jahren der starke Kanzler eine Art "Ersatzführer", der das Bedürfnis der Mehrheit nach Orientierung und Führung befriedigte und zugleich sich allein und niemanden sonst für diese Aufgabe befähigt hielt.

Diese autoritäre Struktur als Grundzug der fünfziger Jahre gilt es zu bedenken, wenn man das Scheitern der an der gesamtdeutschen Idee festhaltenden Opposition beschreibt. Sie war 1952 offenbar ohne Durchsetzungschance. Der Rücktritt Heinemanns 1950 war nicht repräsentativ für die politische Kultur in Westdeutschland. Jakob Kaiser blieb 1952 im Amt und ließ sich disziplinieren. Der Protest des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Heinrich von Brentano gegen Adenauers Führungsstil und seine Mißachtung parlamentarischer Gremien blieb ohne Folgen.

Gegen Kritik in der Sache, die Jakob Kaiser vorbrachte, oder am politischen Stil, was in der Fraktion zur Sprache kam, konnte Adenauer die wachsende Zustimmung ins Feld führen, die seiner Politik in der Öffentlichkeit zuteil wurde. Adenauers Politik versprach den Bürgern Schutz im westlichen Bündnis und materiellen Gewinn im westlichen Wirtschafts- und Marktverbund. Solche Aussichten zu opfern schien zu gefährlich. Die Idee des Nationalstaats konnte damit nicht konkurrieren. Im Kanzleramt sah man sich im März 1952 zwar "propagandistisch in keiner einfachen Lage", ließ sich aber von dem "Eindruck" bestimmen, daß die Mehrheit der Bevölkerung sich nicht "auf ungewisse Experimente mit dem Osten" einlassen wollte. In der Tat deuteten Meinungsumfragen im April und Mai 1952 in diese Richtung.

Infolgedessen hatte Adenauer ein relativ leichtes Spiel, die Verhandlungen mit den Westmächten zügig fortzusetzen und denen wenig Gehör zu schenken, die deren Verlangsamung empfahlen, um das sowjetische Angebot auf seinen Realitätsgehalt prüfen zu können. Immerhin waren Zugeständnisse an die Öffentlichkeit nicht zu vermeiden.

Schon in einer Parteiveranstaltung am 16. März sah sich Adenauer gezwungen, von einem "gewissen Fortschritt" zu sprechen. Er setzte aber sofort hinzu, man werde in Zukunft mit besseren sowjetischen Offerten rechnen können. Die Zeit arbeite für den Westen, weil die sich weiter entfaltende "Politik der Stärke" die sowjetische Regierung immer gesprächsbereiter machen werde. Es könne nicht mehr allzu lange dauern, bis die Politik westlicher Ge- und Entschlossenheit zu einer "Neuordnung in Europa" führen werde. Dies sei dann der Zeitpunkt für die "deutsche Einheit in Freiheit".

Wie leicht man sich über das Tempo historischen Wandels täuschen kann! Die Prognose der fünfziger Jahre war ebenso realitätsfern wie die der achtziger Jahre, die uns allen noch gut in Erinnerung ist. In den achtziger Jahren sagte niemand das baldige Ende des sowjetischen Imperiums voraus, während man es in den fünfziger Jahren für unmöglich hielt, daß die Sowjetunion bei ihren wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der Überanspannung ihrer Kräfte in der Lage sein würde, durch Hochrüstung ihre Position für längere Zeit zu halten. Adenauer jedenfalls meinte im März 1952, der Zeitpunkt sei "nicht mehr allzu fern", "zu dem Sowjetrußland sich zu einem vernünftigen Gespräch bereiterklärt".

Vernünftiges Gespräch – das hieß sowjetischer Rückzug und Neuordnung Europas. Wenn man Adenauer in diesem Punkte etwas vorwerfen will, dann seine Fehleinschätzung der Lage. Natürlich war er nicht gegen die Wiedervereinigung. Er konnte sie sich 1952 aber nur als Anschluß der DDR an eine im westlichen Bündnis verankerte Bundesrepublik vorstellen, und – was entscheidend ist – er rechnete mit dieser Entwicklung innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre, wie er Anfang Juni bemerkte. Im Oktober 1952 meinte er sogar, der Zeitpunkt für Verhandlungen mit der Sowjetunion werde schon "in fünf bis sechs Jahren, keineswegs aber erst in zehn oder fünfzehn Jahren, gekommen" sein.

Warum sollte man dann aber für die Wiedervereinigung irgendwelche Opfer bringen? Warum auf die Zugehörigkeit zum westlichen Bündnis verzichten? Die Wiedervereinigung sei schließlich "kein Ziel für sich", wie Adenauer mit wünschenswerter Deutlichkeit sagte. Sie könne nur als "Glied in einer großen Kette von Auseinandersetzungen zwischen Ost und West" gesehen werden.

Deutschland- und Wiedervereinigungspolitik hieß für Adenauer vor allem – Westpolitik. Diese war erfolgreich, nicht aber die Wiedervereinigungspolitik. Falls Adenauer wirklich an seine Strategie geglaubt hat, was man annehmen kann, so hat sie gründlich in eine Sackgasse geführt. Denn die Antwort der Sowjetunion war nicht Verhandlungsbereitschaft, sondern Zementierung des Status quo mit zwei deutschen Staaten.

Klarer als Ernst Lemmer, der wie sein Parteifreund Jakob Kaiser aus der Sowjetzone in den Westen geflohen war, konnte man es kaum ausdrücken: Das Jahr 1952 gehe als "das Jahr der historischen Teilung in die Geschichte" ein. Vor der CDU-Fraktion sagte er am 13. Mai 1952: Den "Preis für die Integration Europas" hätten die "Brüder [und Schwestern?] in der Sowjetzone" zu zahlen. Adenauer konnte dies nicht bestreiten, tröstete sich indes damit, es handle sich um ein Übergangsstadium.

Wenn 1990 die Vereinigung der beiden deutschen Staaten tatsächlich als Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zustande kam, so hat dies nichts mit Adenauers Politik zu tun, sondern eher damit, daß die wesentlichen Impulse zur Veränderung des Ost-West-Konflikts von der späteren Entspannungspolitik ausgegangen waren: Erst als die Nachfolgeregierungen in Bonn den Status quo in Europa (einschließlich der neuen polnischen Westgrenze!) anerkannten und die Sowjetunion als legitime und gleichberechtigte Großmacht behandelten, mußte die sowjetische Führung wegen der inneren Probleme, auf die Adenauer immer zu Recht hingewiesen hatte, nicht mehr in militärischen Behauptungswillen flüchten, sondern sie konnte sich zu Reformen und Gesprächen bereit finden.

Adenauer war der Vater der Westintegration des westdeutschen Teilstaats. Die frühere antiwestliche Grundströmung der deutschen Politik korrigiert zu haben, darin liegt seine histor.sche Leistung. Er war aber nicht – wie man jetzt mancherorts hört – der Vater der Wiedervereinigung, auch wenn sie in etwa so abgelaufen ist, wie er sie sich gewünscht hat.

Solche Legenden sind ebensowenig dienlich wie der Versuch, Adenauer auch noch als Vater der Entspannungspolitik zu reklamieren. Darin schlägt sich allenfalls die mächtige Wirkung der Entspannungspolitik nieder, die inzwischen offenbar auch ihre damaligen Kritiker erfaßt hat, aber nicht die historische Wirklichkeit Adenauerscher Ostpolitik. Adenauer benutzte zwar das Wort Entspannung als politische Vokabel, aber mit gänzlich anderen Inhalten, als es der Begriff seit den lagen Präsident John F. Kennedys und dann seit der sozial-liberalen Koalition meinte.

Entspannung sollte nach Adenauer gerade nicht auf der Basis des Status quo beginnen, sondern am Ende herauskommen, wenn der Rückzug der Sowjetunion aus den von ihr beherrschten Satellitenstaaten abgeschlossen sein würde. Einer sich so bescheidenden Sowjetunion billigte auch Adenauer ein legitimes Sicherheitsbedürfnis zu. Insofern dachte er über den Kalten Krieg hinaus. Solange der Kalte Krieg aber Bestand hatte, ging es ihm darum, die Sowjetunion durch westliche Geschlossenheit und Stärke so unter Druck zu setzen, "daß die Russen Angst haben", wie Adenauer im September 1951 meinte. "Dann erst kann man mit den Russen verhandeln." Hier wird Adenauers Konzept klar erkennbar und ebenso seine Fehleinschätzung der Lage.

So wie Adenauer die Politik der damals aufsteigenden Weltmacht Sowjetunion mißdeutete, so realitätsgerecht war seine Einschätzung der Neutralitätsvorstellungen, die aufgrund der Stalin-Note wieder einmal durch die Köpfe geisterten. Der Sowjetunion wäre eine Neutralisierung Deutschlands damals höchst willkommen gewesen, denn die Verhandlungen der Westmächte mit der Bundesrepublik über den Deutschlandvertrag, der das Besatzungsregime in Westdeutschland ablösen sollte, und über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG), der auch die Bundesrepublik angehören sollte, standen kurz vor dem Abschluß. In den westlichen Hauptstädten war man aber mit aller Entschiedenheit gegen eine bewaffnete Neutralität eines wiedervereinigten Deutschlands.

Im Notenwechsel mit der sowjetischen Regierung, die am 9. April sogar freien Wahlen zustimmte, signalisierten die Westmächte zwar Gesprächsbereitschaft. Intern aber war klar, daß man seinen Kurs nicht ändern wollte, der von dem Verlangen nach Sicherheit vor Deutschland und nach Kontrolle Deutschlands durch Integration bestimmt wurde. Immerhin wurde in den Monaten März bis Mai 1952 in den westlichen Außenministerien manche Studie angefertigt, in der man die Optionen durchspielte und über die Motive sowjetischer Politik rätselte. Eine Neutralisierung Gesamtdeutschlands aber war mit dem westlichen Sicherheitsbedürfnis unvereinbar.

Mit Blick auf Teile der deutschen Öffentlichkeit stimmten die Westmächte neuen Viermächteverhandlungen prinzipiell zu. Gleichzeitig aber machte Washington Druck, um die laufenden Verhandlungen über Deutschlandvertrag und EVG zu Ende zu bringen (unterzeichnet wurden die Verträge dann am 26./27. Mai in Bonn und Paris).

Worum es eigentlich ging, findet sich in den Akten des Londoner Foreign Office, wo ein Jahr später, als kein Geringerer als Premierminister Winston Churchill das Neutralisierungskonzept wieder hervorgeholt hatte, der "Kampf um Deutschland" als der "eigentliche Kern des Problems" hingestellt wurde: "Die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik [so liest man in den Dokumenten], ihre Integration in Westeuropa, der gemeinsame Verteidigungsbeitrag sowie die europäische Einigungsbewegung sind wesentliche Bestandteile eines Ganzen. Wenn wir unsere Deutschlandpolitik umstoßen, werden wir das ganze System über unseren Köpfen zum Einsturz bringen und die Grenzen des Sowjetblocks bis an den Rhein vorschieben."

Die Folge dieser Politik war die faktische Anerkennung der Teilung Deutschlands: "Ein geteiltes Europa bedeutet ein geteiltes Deutschland. Deutschland wieder zu vereinigen, solange Europa geteilt ist, ist – selbst wenn dies machbar wäre – gefahrvoll für uns alle. Deshalb fühlen alle – Dr. Adenauer, die Russen, die Amerikaner, die Franzosen und wir selbst – im Grunde ihres Herzens, daß ein geteiltes Deutschland zur Zeit die sichere Lösung ist. Aber keiner von uns wagt dies wegen seiner Auswirkungen auf die öffentliche Meinung in Deutschland auch offen zuzugeben. Deshalb unterstützen wir alle öffentlich ein vereintes Deutschland, jeder allerdings aufgrund seiner eigenen Bedingungen."

Adenauer wußte, daß man das Sicherheitsbedürfnis der westlichen Siegermächte befriedigen mußte. Neutralisierung Deutschlands schied darum aus und somit auch eine Politik, die über die Neutralisierung zur Wiedervereinigung führen sollte. Sie schied für ihn aber auch deswegen aus, weil Deutschland nach einer Neutralisierung über kurz oder lang dem "asiatischen Osten" ausgeliefert wäre, wie Adenauer 1952 zu sagen beliebte.

Diese Bedrohungsvorstellung war das eine; das andere war, was in der Debatte über die Stalin-Note meist übersehen wird: die von Adenauer angestrebte Rückkehr Deutschlands – auf alle Fälle aber Westdeutschlands! – in die internationale Politik als gleichberechtigter Partner. Neutralisierung hätte genau dies verhindert, weil sie mit strikten Auflagen verbunden gewesen wäre.

Wenn Adenauer ein Ziel seit 1945 beharrlich verfolgte, dann war es die Wiederherstellung Deutschlands als "Subjekt der Politik", als anerkannter Machtfaktor in der internationalen Gesellschaft. Für Adenauer hieß dies, was er offen aussprach, wirtschaftliche Macht, aber auch, was zunächst noch verdeckt blieb, militärische Macht. Diese Macht aber war nur im Verbund mit den westlichen Siegermächten wiederzuerringen.

Darum akzeptierte Adenauer den Grundsatz "Kontrolle durch Integration". Er war vor allem der Kanzler der Westdeutschen, wenn er als "Kanzler der Alliierten" [so ein Zwischenruf des Oppositionsführers Schumacher 1949 im Bundestag] das Vertrauen der westlichen Sieger gewann und sich damit aus deren Sicht vorteilhaft von Schumacher abhob. Schon 1948/49 sprach Adenauer fortwährend vom Ziel der Gleichberechtigung, und bereits 1951 führte er wieder den Begriff Großmacht im Munde und meinte: "Das müssen wir Deutsche werden."

Die gleichberechtigte Großmacht war vorerst mehr Wunsch als Realität. Aber wer läßt sich schon gern von seinen Wünschen abbringen? Nichts anderes hätte für Adenauer ein "Ausloten" der Stalin-Note bedeutet!